KOSMO-SERIE: 50 JAHRE GASTARBEITER 16.09.2014

Die zweite und dritte Generation - gekommen um zu bleiben

© KOSMO / Radule Božinović
KOSMO portraitiert Gastarbeiterschicksale über mehrere Generationen. Teil 2 unserer Serie befassen wir uns mit der zweiten und dritten Generation einer Zuwandererfamilie der ersten Stunde.


Dimitra und Draško Radosavljević kamen 1970 aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Österreich (Siehe Teil 1 unserer KOMOS-Serie). Die Kinder blieben vorerst bei den Großeltern in Serbien. Doch bald war klar, dass die Familie länger in hier bleiben würde. Heute sind ihre Kinder und Enkelkinder schon erwachsen und fühlen sich in Österreich verwurzelt.

Draško Radosavljević (48): „Ich habe meine Eltern vermisst“

„Ich erinnere mich nicht, wann meine Eltern das erste Mal weggefahren sind, aber ich erinnere mich gut, wie es war, wenn sie ein- bis zweimal im Jahr nach Hause kamen. Nach der langen Abwesenheit waren sie uns jedes Mal fremd geworden. Gerade, wenn wir uns wieder an sie gewöhnt hatten, sind sie wieder nach Wien gefahren“, erinnert sich der heute 48-jährige Draško Radosavljević an seine Kindheit im Jugoslawien  der 1970er Jahre. „Es war mir egal, ob die Familie noch einen Traktor oder sonst etwas kaufen konnte. Ich war unglücklich. Mein Bruder und ich waren Kinder ohne Eltern, wie so viele unserer Altersgenossen, die bei Oma und Opa aufgewachsen sind. Ich hätte meinem Kind so etwas niemals angetan“, sagt Dimitras älterer Sohn, und seine Frau Lalica bestätigt das.

Draško hat mit nicht einmal 18 Jahren geheiratet. Mit seiner Frau und seinem Sohn hat er weiterhin bei Oma und Opa in Serbien gelebt, hatte Arbeit und war dort verwurzelt. Dennoch traf das Ehepaar 1990 die Entscheidung nach Österreich zu gehen.

„Seit dem ersten Tag in Wien arbeiten wir viel. Wir haben nicht perfekt Deutsch gelernt, aber es hat funktioniert. Wir leben anders als unsere Eltern, obwohl auch wir so weitergemacht und in Serbien Häuser gebaut und Gärten angelegt haben. Wir leben in einer Hausmeisterwohnung, allerdings in einer großen, aber wir haben auch eine Wohnung in Wien gekauft. Wir leben besser als unsere Eltern, denn wir fahren regelmäßig in Urlaub, sind gut integriert und uns gefällt das Leben in Wien. Wir haben beide noch immer serbische Pässe, aber wir fühlen uns hier wohler als zu Hause“, erzählt Draško.

Kristijan (30), Sabine (30) und Ana (1 Jahr) Radosavljević: „Wir sind Europäer“

Die dritte und vierte Generation der Familie Radosavljević lebt an der Grenze zwischen Tradition und Moderne. Auch der 30-jährige Kristijan verbrachteTeile seiner Kindheit in Serbien. Er kam erst mit sieben Jahren nach Österreich, lernte schnell deutsch, fand Freunde und passte sich an die neue Umgebung an.

„In der Schule war ich ausgezeichnet, und so bin ich ins Gymnasium gekommen. Allerdings habe ich mich nach der vierten Klasse entschieden, einen Beruf zu lernen und die Handelsschule abgeschlossen“, erinnert sich Kristijan. „Erst als ich begonnen hatte zu arbeiten, habe ich meinen Fehler eingesehen, denn meine Freunde hatten bereits maturiert. In Rekordzeit habe ich neben der Arbeit die Handelsakademie abgeschlossen und ein Studium begonnen. Heute habe ich einen Master in Finanzmanagement gemacht und eine gut bezahlte Stelle, spreche mehrere Sprachen und bin sehr erfüllt und zufrieden“, sagt Kristijan. Auf die Frage, ob er sich mehr als Österreicher oder als Balkaner fühlt, antwortet er wie aus der Pistole geschossen, dass er Europäer sei, ein österreichischer Serbe.

An der Uni hat Kristijan die gebürtige Wienerin Sabine kennen- und lieben gelernt. Heute haben die beiden ihr Töchterchen Ana, die Urenkelin von Dimitra. In Wien hat das junge Paar nach hiesiger Sitte geheiratet und in Mustapić mit ca. 200 Gästen.

„Ich fahre gerne nach Serbien, aber ich gehöre zu dieser Gesellschaft. Ich glaube, dass meine beiden Identitäten perfekt harmonieren. Meine Frau kommt damit hervorragend zurecht und hat unsere Besonderheiten verstanden“, erklärt Kristijan, der sich bemüht, das serbische Erbe in seiner Familie aufrecht zu erhalten. „Ich habe meine Eltern gebeten, mit Ana Serbisch zu sprechen, denn sie muss auch die Sprache unserer Herkunft lernen“, sagt Kristijan, und Sabine, die Serbisch versteht, fügt hinzu, dass sie sich keine bessere Familie wünschen könnte.

Kristijan stört es, wenn ihm ein Österreicher in bester Absicht sagt, dass er kein Serbe, sondern Österreicher ist, weil er perfekt Deutsch spricht und beruflich erfolgreich ist. „Wenn mir jemand so etwas sagt, habe ich das Gefühl, dass er mein Volk abwertet“, sagt Kristijan mit Nachdruck.  „Wir leben seit Jahrzehnten in dieser Gesellschaft, sind in jeder Hinsicht Teil davon. Wir arbeiten, zahlen Steuern und haben keinen Grund, uns minderwertig zu fühlen. Sehen Sie, Sabines Großmutter ist gebürtige Wienerin und meine kommt aus Serbien. Beide haben hier ihre Pension verdient und ich sehe keinen Unterschied zwischen ihnen“, betont der junge Mann, und Oma Dimitra blickt voller Stolz auf ihn.

Vera Marjanović / KOSMO

Drei Generationen in Österreich. Eine Familie erinnert sich

Hier geboren – Ausländer geblieben

Darko Markov: Gastarbeiter Storys aus Wien

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