MUSIK 17.02.2014

Interview Frenkie: „Bosnien muss sich erheben“

© Darko Zabuš
Wir trafen Adnan Hamidović Frenkie, den bekannten Rapper aus Tuzla, zum Interview. Im Gespräch mit KOSMO erzählt Frenkie über das Leben am Balkan, seine neue Vaterrolle und die Proteste in Bosnien-Herzegowina, die in seiner Heimatstadt Tuzla ihren Anfang nahmen.


KOSMO: Vor Kurzem bist du Vater von Zwillingen geworden. Wie kommst du in der Vaterrolle zurecht?

Frenkie: Am Anfang gab es ein paar Probleme und wir haben in Schichten geschlafen, aber jetzt haben wir uns daran gewöhnt und uns eingespielt. Meine Arbeit ist so, dass ich an den Wochenenden reise und arbeite, aber an den Arbeitstagen bin ich zu Hause, helfe meiner Frau und genieße die Zeit mit den beiden Engeln. Wenn wir ein bisschen Zeit haben, schaue ich mit meiner Frau einen Film, lese etwas oder schreibe. Mein Hobby ist Fußball.

Wir haben gehört, dass du mit dem Sarajevoer DJ und Produzenten Billain ganz intensiv an neuem Material arbeitest?

Ja, mit Bili habe ich ein paar Lieder aufgenommen, aber wir haben uns noch nicht entschieden, ob das eine offizielle Veröffentlichung wird oder ob wir es im Netz veröffentlichen. Ich kann sagen, dass die Lieder für den Hardcore-Teil des Publikums sein werden, die fetteren Rap mögen.

Du arbeitest oft mit Edo Maajka, Marčelo und anderen bekannten Balkan-Rappern zusammen. Was haben die Rapper dieser Region gemeinsam?


Vor allem, dass das unsere Musik ist, und dann natürlich diesen Raum und die Probleme, die wir teilen, aus denen wir unsere Inspiration schöpfen. Jedes Mal, wenn ich nach Belgrad oder Zagreb komme, sehe ich, dass sich unser Alltag nur in Nuancen unterscheidet. Ich glaube, dass der Hip-Hop am Balkan viel dazu beigetragen hat, die Menschen zu verbinden und Vorurteile zu überwinden.

Du bist dafür bekannt dir kein Blatt vor den Mund zu nehmen, wenn es um gesellschaftliche Probleme geht? Woher nimmst du die Inspiration und wie entsteht bei dir ein Lied?


Hip-Hop hat mir geholfen, mich aufzubauen und zu reifen. Davon habe ich als Bub geträumt, und ich bin froh, dass ich das jetzt professionell mache. Meine Lieder entstehen, wenn es zu einem Endpunkt kommt, zu Bitterkeit und Frustration... Der eine schreibt einen Artikel, der andere zeichnet ein Graffiti, wieder ein anderer zündet einen Polizeiwagen an - ich nehme ein Lied auf. Diese Lieder sind, obwohl sie recht aggressiv klingen, für mich sehr emotional und die Leute spüren meine Emotionen.

Viele Menschen vom Balkan leben schon seit Generationen in Österreich. Wie wichtig ist es, seine Wurzeln zu achten, und wichtig ist es, sich an das Leben im neuen Land anzupassen?


Ich habe selbst einen Teil meines Lebens in Deutschland verbracht. Ich erinnere mich noch: Als wir Anfang der 90-er Jahre nach Deutschland gegangen sind, waren die einzigen Kontakte nach Bosnien über den Satellitenempfänger, den mein Alter jede halbe Stunde auf einen neuen Sender gedreht hat. Heute gibt es Internet, soziale Netzwerk, und mit einem Klick erfährst du, was am Balkan los ist. Ich muss hinzufügen, dass ich unsere Landsleute, die im Westen leben und ehrlich arbeiten, sehr schätze, aber ich kann die nicht verstehen, die über fünfzig Jahre in Österreich leben, Kinder und Enkel haben, aber nicht Deutsch reden wollen, den Staat nicht achten, in dem sie leben und der es ihnen ermöglicht hat, ein viel besseres Leben zu führen, als sie es  am Balkan jemals könnten. Das werde ich niemals begreifen...

Junge und gut ausgebildete Menschen vom Balkan wandern noch immer massenhaft in die Länder Westeuropas ab. Wie siehst du dieses Phänomen?

Stimmt, immer mehr meiner Altersgenossen gehen weg, und ich muss zugeben, dass auch mir diese Idee immer öfter durch den Kopf geht. Überall geht es überall irgendwie vorwärts, nur bei uns sind die Politiker nicht fähig, ihren Job zu machen, für den sie massig bezahlt werden. Ich verstehe die Leute absolut, die weggehen, und jeder muss das machen, was er für richtig hält.

Was sagst du zu den Protesten in deiner Heimatstadt Tuzla und Bosnien-Herzegowina?

Die Proteste sind eine klare Botschaft, dass die Bürger die Misswirtschaft im Land nicht mehr tolerieren können und sich von den Politikern nicht mehr an der Nase herumführen lassen. In den vergangenen Jahren gab es so viel Umwältzungen in der Regierung, dass selbst die politischen Analysten nicht mehr genau wissen, wer eigentlich an der Macht ist. Wir normalen Bürger interessieren uns nicht mehr dafür. Sie alle sitzen gemeinsam in der Regierung und in unseren Augen sind sie alle gemeinsam schuld an der Misäre. Ich bin stolz auf Tuzla, meine Stadt, meine Mitbürger und Nachbarn, die bewiesen haben, dass sie bereit sind für die Rechte der Arbeiter und Bürger auf die Straße zu gehen. Und den Bügern von Bosnien-Herzegowinas kann ich nur sagen:  ''Get up, stand up, stand up for your right!''

Interview: Elma Murić / KOSMO

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