INTERVIEW: EDO MAAJKA 20.10.2014

"Viele Bosniaken haben mich enttäuscht"

© zVg.
Edo Maajka ist einer der wichtigsten Rapper in der Region des ehemaligen Jugoslawien. KOSMO traf ihn bei seinem Konzert in Graz zum Gespräch über seine Texte, sein Leben in Tel Aviv und den Antisemitismus in Bosnien-Herzegowina.


KOSMO: Du bist in Bosnien-Herzegowina genauso populär wie in Kroatien – wie erklärst du dir deinen grenzüberschreitenden Erfolg?

Edo Maajka: Ich muss gestehen der Erfolg war gar nicht meine primäre Absicht. In meinen Texten ging es um den Krieg und den ganzen Mist dieser Zeit und ich dachte, das würde keinen interessieren. Aber das erste Album war ein voller Erfolg. Ich bin verdammt dankbar dafür. Ich denke, die Menschen aus Serbien, Kroatien oder Mazedonien können sich mit den Texten identifizieren.

Wenn es dir nicht um den Erfolg ging, worum dann?

Das Schreiben der Texte war und ist meine Reinigung. Ich hätte geschrieben und gerappt auch ohne ein Album zu produzieren. Es war meine Selbsthilfe in beschissenen Situationen.

Deine Texte sind noch immer sehr gesellschaftskritisch…

Ja, weil sich einfach nichts ändert. Die Inhalte meines ersten Albums kannst du eins zu eins auf Bosnien-Herzegowina im Jahr 2014 umlegen. Problematisch ist, dass die Jugend immer weniger Interesse am politischen Geschehen im eigenen Land hat. Aber ich muss gestehen, mir geht es genauso, weil trotz aller Aufstände alles beim Alten bleibt. 

Verstehst du den Drang der Jugend, ihre Heimat verlassen zu wollen?

An sich ja. Aber das Schlimmste für mich ist, dass nun jene Leute das Land verlassen, welche die intellektuelle Kultur im Land erhalten haben. Aber an ihrer Stelle würde ich heute dasselbe tun.

Du wurdest aufgrund deiner Eheschließung mit einer Jüdin stark beschimpft... (siehe KOSMO-Bericht)

Mittlerweile hat sich das Ganze beruhigt. Aber es wird wieder losgehen, wenn Israel wieder stärker in den Medien vertreten ist. Dann werden sie mich wieder hassen. Die meisten Beleidigungen kamen ja aus Bosnien-Herzegowina und damit hätte ich nie gerechnet. Ich hatte keine Ahnung, dass es seitens der Bosniaken so einen ausgeprägten Judenhass gibt. Die Reaktionen auf meine Ehe zeigten mir wieder den Faschismus im Land auf. Es war eine Schande für ganz Bosnien-Herzegowina.

Vor dem Jugoslawienkrieg bist du geflohen, jetzt lebst du wieder in einem Land, das von Konflikten geprägt ist. Siehst du Parallelen zwischen Bosnien-Herzegowina und Israel?

Jeder Konflikt hat seine eigenen Besonderheiten. Aber es ist immer ein Teufelskreis, der sich schwer durchbrechen lässt. Dafür braucht es viel Guten Willen und Bereitschaft zum Kompromiss. Die Grundsätzliche Parallele der beiden Konflikte sind die ethnischen Säuberungen, wobei das im Nahen Osten viel tiefer mit der Religion verbunden ist. Damit es Frieden gibt, müssten sich Israel und Palästina gegenseitig als zwei eigenständige Staaten anerkennen. In Bosnien-Herzegowina müssten sich die drei Ethnien als Teil eines gemeinsamen Staates sehen. Die Manipulation der Bürger ist eine weitere Parallele – die Sprüche sind überall dieselben.

Tel Aviv war in den vergangenen Wochen unter Bombenbeschuss. Fühlst du dich nicht in den Balkankrieg zurückversetzt?

Scheiße, klar doch! Jeder Mensch, der einmal Granaten überlebt hat, macht sich vor Angst in die Hosen, wenn er wieder Sirenen hört. Ich musste mehrmals täglich mit meiner Frau und Tochter in den Bunker flüchten. Aber die Situation in Israel, abgesehen von Bomben und Granaten, eine ganz Andere.

Kannst du dir vorstellen eines Tages an den Balkan zurückzuziehen?

Ich stelle es mir nicht nur vor, ich weiß, dass ich in naher Zukunft zurückkehren werde. Ich bin nie mit dem Gedanken nach Israel gezogen, um hier mein Leben zu verbringen. Meine Frau und ich warten eigentlich nur mehr, bis ihre Tochter in zwei Jahren volljährig wird.

Als letzte Frage etwas Positiveres: Wie sieht‘s mit aktuellen Projekten und deiner musikalischen Zukunft aus?

Ich arbeite gerade an einem neuen Album. Und ich mache auch Musik für Kinder. Ich hoffe, dass sie bald reif für die Öffentlichkeit ist. Meine Zukunft wird so oder so immer musikalisch bleiben. Ich werde immer älter und immer wieder die gleichen Texte und das gleiche Publikum – das wird mir zu langweilig. Ich suche neue Herausforderungen, aber diese werden bis ich sterbe im Musikbereich liegen.

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