KOMMENTAR 11.11.2014

Zufriedenheit statt Stolz

© Facebook
Die neue #stolzdrauf-Kampagne von Integrationsminister Sebastian Kurz stößt auf viel Kritik. Zu Recht – findet KOSMO-Chefredakteur Nedad Memić, werden doch durch solche Maßnahmen keine der Probleme im Alltagsleben von Migranten gelöst.


Der Minister für Integration Sebastian Kurz hätte sich gestern in der Früh wahrscheinlich nicht vorstellen können, dass seine #stolzdrauf-Kampagne binnen weniger Stunden für so viel Kritik und Spott in Social Media und in der Öffentlichkeit sorgen würde. Auf den ersten Blick war seine Intention vielleicht gar nicht so schlecht: ein neues Österreichbewusstsein sowohl bei den autochthonen Österreichern als auch bei den Migranten zu schaffen. Doch etwas, was auf den ersten Blick als gute Idee erscheint, kann sich blitzschnell als Fehlentscheidung erweisen. Das Kurz’sche PR-Team hat bei der Entwicklung dieser neuesten Kampagne einiges übersehen: Zum einen ist der Zeitpunkt für den Kampagnenstart ein nicht gerade günstiger: angespannte Situation mit syrischen Flüchtlingen, neue hetzende Äußerungen von FPÖ-Politikern, Streit ums Islamgesetz oder Demo gegen die "Imam-Schule" in Wien füllen derzeit die Zeitungsseiten. Zum anderen ist die Auswahl der Personen, die diese Kampagne tragen sollen, eine ebenso ungünstige: Andreas Gabalier ist zweifelsohne ein beliebter Sänger, als „Botschafter der Integrationskampagne“ kann der Volksrocker aber mit seinen bisherigen Aussagen kaum punkten.

Konkrete Lösungen statt PR-Kampagnen

Doch auch abseits des tagespolitischen Geschehens steht die Migrations- und Integrationspolitik in Österreich immer noch vor vielen Herausforderungen: Es sei an dieser Stelle das weitgehend rigide Staatsbürgerschaftsgesetz erwähnt, das mehr als eine Million Menschen ohne Möglichkeit jeglicher politischer Partizipation im Land lässt. Oder etwa ein reformbedürftiges System der Rot-Weiß-Rot-Karte, die für viele junge Absolventen oder Fachleute aus dem Ausland weiterhin unattraktiv bleibt. Mit Sebastian Kurz hat Österreich einen jungen und engagierten Politiker bekommen, der die Integrationsdebatte weitgehend beruhigt und versachlicht hat. Das bedeutet aber keinesfalls, dass die systemimmanente Chancenungleichheit und fehlende Inklusion von Zuwanderern beseitigt wurde. Aus diesem Grund braucht die Integrationspolitik nun mehr konkrete Lösungen und weniger PR-Kampagnen. Denn eine Gesellschaft braucht nicht stolze, sondern vor allem zufriedene Bürger, die sich gemäß ihren Interessen und Fähigkeiten entfalten können.

Nedad Memić / KOSMO

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