GLAUBE & RELIGION 05.05.2015

Wo ein Serbe, da auch eine Slava

Für insgesamt 78 Schutzheilige wird in serbischen Familien die Slava abgehalten. Die drei häufigsten sind der hl. Nikolaus (19. Dezember), der Erzengel Michael (21. November) und der hl. Georg (6. Mai).


„Wo ein Serbe, da auch eine Slava“, so sagt man. Die Slava wird in verschiedenen Regionen und nach verschiedenen Bräuchen gefeiert. Dabei gilt nur eine einzige Regel, dass es keine Regel gibt. Jeder feiert, wie er es kennt und mag. Bei der Slava handelt es sich nicht um einen einheitlichen Feiertag, sondern um ein Familienfest, denn die Familie ist eine „kleine Kirche“, wie es bei Apostel Paulus heißt. Die Besonderheit und die Bedeutung dieses Brauchs bestätigt auch seine Aufnahme in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit im Jahre 2014.

Von der Kirche verboten

Die Slava ist ursprünglich aus vorslawischen, heidnischen Bräuchen hervorgegangen, die während der Christianisierung im 8. Jahrhunderts eine christliche Umdeutung erfuhren. Anfangs hatte sie viele alte, vorchristliche Elemente: Sie wurde mit einem Blutopfer vollzogen, bei denen Rinder und Schafe vor die Kirche geführt oder Tiere sogar in die Kirche, gesegnet und geschlachtet wurden.

Als 1219 das Erzbistum Žiča gegründet wurde, verbot die Kirche diese heidnischen Bräuche. Unter dem Heiligen Sava (1174–1235) wurde den Priestern verboten, Gebete für Tiere zu lesen oder sie in die Kirche zu lassen. Der Heilige Sava systematisierte auch die Umbenennung der heidnischen Hausgötter im liturgischen Sinne.

Keine Slava ohne Ikone

Zentrales Kultobjekt der Slava ist die Ikone. Die Slava-Ikone steht mit einem Öllicht an der Ostwand des Raums, in dem gefeiert wird. Vor der Slava findet im Haus der Familie die Wasserweihe statt: Ein Priester weiht das Wasser und segnet den Weizen und den Slava-Kuchen, den er kreuzförmig aufschneidet und mit Wein übergießt. Der Slava-Kuchen symbolisiert ein Gnadenopfer für Gott, der kreuzförmige Einschnitt die Leiden Christi. Das Übergießen des aufgeschnittenen Kuchens mit Wein steht für das Blut Christi. Die Slava-Kerze, die aus reinem Bienenwachs sein muss, bezeichnet ebenfalls ein Opfer.

Der Weizen wird Gott als Dankopfer für die gewährten Früchte des Landes, aber auch im Gedenken an den Heiligen und zur Erinnerung an die Ahnen dargebracht. Das Ausräuchern mit Weihrauch bezeichnet ein Gebet, das aus dem reinen Herzen kommen soll. Das Öl, das in der Lampe brennt, ist ebenfalls ein Opfer für Gott.

Obskur: Sozialistische Slava und „Titotag“

Nach dem Zweiten Weltkrieg, als, wie es ein serbischer Anthropologe formulierte, „eine ideologische Mühle gegen die Slava eingesetzt hatte“, begannen einige Orte in der Vojvodina, statt der alten kirchlichen Slava eine sogenannte „sozialistische Slava“ oder „Partisanen-Slava“ zu feiern. Die wurde an einem Tag angesetzt, der während des Krieges für das Dorf besonders wichtig gewesen war, etwa dem Auszug der Partisanen, der Gründung einer Militäreinheit im Dorf, der Erschießung von Bürgern oder der Befreiung von den Besetzern. Am Tag der Slava versammelten sich die Dorfbewohner mit Verwandten zur Feier des Ritus mit einem Besuch an den Gräbern der gefallenen Kämpfer und der Opfer des faschistischen Terrors.

Aus ähnlichem Anlass ist in den vergangenen Jahren auch der Bergarbeiter Dragan Kamaljević aus dem Dorf Dragolj zu einem echten Medienstar geworden. Er feiert nämlich seit 1992 den ehemaligen Tag der Republik, den 29. November, als seine Slava und nennt diesen Tag „Titotag“.

Kleine und seltene Slavas

Neben den großen Slavas, die eine richtige Lokalmigration und Verkehrsstaus auslösen, gibt es auch solche, die nur einige Dutzend Familien in Serbien feiern. Familien entscheiden sich aus unterschiedlichen Gründen für eine kleine Slava. Manchmal ist es ein wichtiges Familienereignis, das an diesem Tag stattgefunden hat. In der Umgebung von Kragujevac gibt es zum Beispiel Familien, die den hl. Alexandar Newski feiern. Man sagt, dass es sich dabei um Zuwanderer aus Montenegro handelt, die in der neuen Heimat diese Slava zur Erinnerung an ihre guten Beziehungen zu den Russen angenommen haben.

Bescheidenheit statt Übertreibung


Obwohl aus der Kirche regelmäßig Ermahnungen zu hören sind, dass das Essen und Trinken nicht das Herz der Slava sind, ist die Übertreibung eine Disziplin, in der wir Kontinuität bewahren. Ein schönes Beispiel ist die „Ivkova slava“, eine Erzählung von Stevan Sremac. Der Autor wirft ein – allerdings wohlwollendes – Licht auf diese unsere Neigung, alles ein wenig zu übertreiben.

Uroš Miloradović / KOSMO

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