30.04.2013

Wir werfen 300 Euro im Jahr zum Fenster raus!

© KOSMO
Mit Umweltminister Nikolaus Berlakovich sprechen wir über den Pferdefleischskandal, das Wegwerfen von Lebensmitteln und die Attraktivität von Green Jobs...

KOSMO: Der Pferdefleischskandal hat auch Österreich in den letzten Monaten erschüttert. Welche Konsequenzen haben Sie als Lebensminister gezogen?
Nikolaus Berlakovich: Das Wichtigste ist, das Vertrauen der Konsumenten wieder zu gewinnen. Deshalb hat das Gesundheitsministerium seine Kontrollen verstärkt. Ich habe die Gunst der Stunde genutzt und auf der EU-Ebene eine Herkunftskennzeichnung für verarbeitete Lebensmittel eingeleitet. Ich will, dass der Konsument eine Wahlfreiheit hat und auch erkennt, woher ein Lebensmittel kommt. Jetzt wird die EU eine Verbraucherinformationsordnung herausarbeiten, wo auf der Packung die Herkunft genau gekennzeichnet ist.

Schließt das etwa weitere Missbräuche aus?
Betrug kann man nicht verhindern, man kann ihn aber erschweren. Wenn der Erzeuger nachweisen muss, woher das Lebensmittel kommt, dann muss seine Herkunft genau rückverfolgbar sein. Somit schaffen wir mehr Transparenz bei den Lebensmitteln, worauf Menschen ja auch Recht haben.

Sie haben heuer die Aktion „Lebensmittel sind kostbar“ ausgerufen. Ist das Wegwerfen von Lebensmitteln in Österreich alarmierend?
Ja! Eine Studie zeigt, dass in Österreich nur Privathaushalte 160.000 Tonnen Lebensmittel pro Jahr wegwerfen! Das sind rund 300 Euro pro Haushalt. Mein Ziel ist, die Lebensmittelverschwendung zu reduzieren: also verwenden statt verschwenden! Das ist ein soziales, ethisches und Umweltthema. Bis 2016 wollen wir die Verschwendung um 20 % verringern. Jetzt arbeiten wir Maßnahmen aus, zusammen mit Sozialpartnern. 

Wie werden die geplanten Maßnahmen in Praxis aussehen?
Zuerst müssen wir fürs Thema sensibilisieren. Die Menschen werden beim Verkauf verführt, z.B. mit Aktionen, bei denen Konsumenten zu viel kaufen, weil ihnen ein günstiger Preis angeboten wird. Ein großes Thema ist auch das Haltbarkeitsdatum: Nicht alles, was dieses Datum überschreitet, ist verdorben, denn es heißt ja: „Mindestens haltbar bis...“. Das ist bloß eine Herstellergarantie. Also ein Produkt nicht gleich wegwerfen, sondern zuerst riechen und kosten, denn viele Lebensmittel sind auch lange nach dem Auslaufdatum noch kostbar.

Diese Initiative ist dann direkt gegen Diskontmärkte wie Hofer oder Lidl ausgerichtet, die gerade mit solchen Aktionen punkten...
Wir haben auch den Handel am Bord. Für sie ist es auch ein Problem, insbesondere was die Entsorgung von Lebensmitteln betrifft. Wir berücksichtigen dabei auch Sozialmärkte wie z.B. die Wiener Tafel oder die Pannonische Tafel. So können auch sozial bedürftige Menschen an Lebensmittel kommen. 

Sie haben in den vorigen Jahren die Green Jobs massiv beworben. Nun sagt die Arbeiterkammer, nur 6 % davon entsprechen dem Bild eines gut bezahlten Umwelttechnikers...
Mir ist die permanente Kritik der Arbeiterkammer unverständlich. Es wäre viel zielführender, gemeinsam Strategien zu entwickeln, wie man Öko-Jobs schafft. Ich habe nie behauptet, dass ein Green Job ein Uni-Professor oder ein Spitzentechniker ist. Green Jobs erzeugen Produkte und erbringen Dienstleistungen für den Umweltschutz. Wenn jemand z.B. bei der Müllabfuhr arbeitet, ist das auch ein Green Job. Wir haben einen Masterplan mit Sozialpartnern, auch mit der Arbeiterkammer, ausgearbeitet, der bis zu 100.000 Green Jobs in den nächsten Jahren vorsieht, wenn man auf Erneuerbare Energien umsteigt. 

Ein großes Thema bei Ihnen ist auch Energieautarkie. Wie weit sind Sie beim Thema?
Wir setzen es um! Momentan sind wir bei einen Anteil  der Erneuerbaren Energien von 31 % im Gesamtenergiemix in Österreich. Das gehören wir zur Spitze Europas. Unser Ziel ist, bis 2020 auf 34 % auszubauen. Parallel dazu habe ich vor drei Jahren das Projekt der Klima- und Umweltregionen ausgerufen, momentan haben wir 106 mit 1.100 Gemeinden mit dabei. Das ist die Hälfte aller österreichischen Gemeinden.

In Österreich wird heuer mit verschiedenen Aktionen das Radfahren gefördert. Was sind Ihre Ziele?
Es ist notwendig, Treibhausgase zu reduzieren. Wir haben vor Jahren einen Masterplan Radfahren ausgearbeitet. Bis 2015 wollen wir den Radverkehrsanteil im Gesamtverkehr auf 10 % heben. Ich habe in allen Bundesländern Radgipfel organisiert, um alle Aspekte des Radverkehrs zu besprechen – jetzt setzen wir es um.

Abschließend die Tagespolitik: Die SPÖ hat bereits mit dem Wahlkampf begonnen, wir sieht es bei der ÖVP aus?
Die Menschen sind an einem Wahlkampf nicht interessiert. Daher wird der Wahlkampf bei der ÖVP ziemlich kurz sein.

KOSMO-Redaktion

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