INTERVIEW: ZORICA AIGNER 18.03.2015

„Wir alle tragen einen Jugokoffer“

© zVg.
Die österreichisch-serbische Künstlerin Zorica Aigner beschäftigt mit der Vergangenheit und Gegenwart des ehemaligen Jugoslawien. Wir sprachen mit ihr über nationale Symbole und das heutige Serbien zwischen Ost und West.


KOSMO: Eines deiner Bilder zeigt die Rückseite einer Leinwand mit der Aufschrift „Tito, Adolf, Slobo & Co“. Was haben diese drei Männer gemeinsam?

Zorica Aigner: Der Titel des Bilds ist „Die Verführer“ – das ist es, was sie gemeinsam haben. Und alle haben etwas mit meiner eigenen Geschichte zu tun, wo ich herkomme und wo ich jetzt gerade lebe.

Deine Bilder enthalten zum Teil schwer zu entschlüsselnde Botschaften. Verstehen das die Betrachter?


Ich glaube nicht, dass sie alles verstehen. Ich glaube, jeder sieht in meinen Bildern etwas anders. Ich selbst weiß, was ich gemalt habe, aber ich gebe jedem die Freiheit, ein Bild so zu sehen, wie er es sehen möchte.

Du charakterisierst Österreich und den Balkan mit seinen Marken. Auf der einen Seite „Zipfer Urtyp“ oder „Wiener Zucker“ – auf der anderen Seite „Evrokrem“ oder „Moja kravica“. Was sagen Marken und Konsum über eine Gesellschaft?

Konsum ist ein großer Teil unseres Lebens. Es ist auch etwas, das wir selbst mit einer Gesellschaft verbinden. Wenn man „Moja kravica“ sieht, denk fast jeder von uns, der aus Ex-Jugoslawien kommt, an seine Kindheit und die Heimat. Genauso ist es mit österreichischen Marken wie dem Bier. Man denkt an sein alltägliches Leben. Ich muss nicht unbedingt eine Flagge in ein Bild malen. Es gibt auch andere Dinge, die für uns wichtig sind unser Leben charakterisieren – wo wir gerade sind, oder was wir machen, was uns gerade beschäftigt. Wir sitzen jetzt auch zusammen, mit dem Kaffe und Mineralwasserflaschen und Saft – überall um uns sind Marken.

Immer wieder kommen bei dir Symbole des ehemaligen Jugoslawien vor. Bedauerst du, dass es das Land in dem du geboren wurdest, nicht mehr gibt?

Bedauern würde ich nicht sagen. Aber es gibt einiges, was ich zeigen möchte und Geschichten, die ich gerne erzählen würde. Das war ein Teil meiner Kindheit und meines Lebens und auf diese Art kann ich etwas darüber erzählen. Und diese Symbole wecken natürlich vielfältige Emotionen.

Auf einem deiner Bilder sieht man eine Coca-Cola-Dose in kyrillischer Schrift. Das wirft die Frage auf, wohin Serbien eigentlich gehört – zum Osten oder zum Westen?

Zum Osten, aber Teile des Westens sind sehr präsent. So empfinde ich es jedenfalls, und das ist es auch, was meine Bilder enthalten.

Du lebst seit 2001 in Österreich. Warum hast du Serbien verlassen?

Ich habe es damals nicht als „Serbien verlassen“ gesehen. Ich wollte einfach woanders studieren und habe mich wegen der Akademie für bildende Kunst und der Akademie für angewandte Kunst für Wien entschieden. Ich hatte ein Visum für fünf Tage und so machte ich in diesen fünf Tagen die Aufnahmeprüfung in Wien. Damals wusste ich nicht, on ich bleibe oder nicht. Dann habe ich meinen Mann kennengelernt und bin hier geblieben. Serbien zu verlassen, war eigentlich gar nicht der Plan.

Was bedeutet Österreich für dich? Ist es dir eine Heimat geworden?

Ja. Auch. Ich habe mittlerweilte zwei Heimaten.

Dein Mann ist auch Künstler – Florian Aigner. Macht das eine Beziehung leichter oder schwieriger?

Ab und zu macht es das leichter. Wir haben Verständnis für einander, wenn es um die Arbeit geht. Aber ab und zu macht es das auch schwieriger, weil am Monatsanfang nie sicher ist, was am Konto ist. (lacht)

Du hast ein Bild mit dem Titel „Jugokoffer“ – der eigentlich ein Billa-Sackerl ist. Was trägt der Mensch vom Balkan in seinem Koffer mit sich?

Viele tragen mit sich eine einfache Arbeitshose. Viele tragen eine Erinnerung. Viele tragen ein Diplom. Und viele tragen Hoffnung mit sich.

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