INTERVIEW: ZABRANJENO PUŠENJE 09.09.2013

"Wien ist meine Hauptstadt"

© KOSMO / Radule Božinović
Wir haben Davor Sučić alias Sejo Sekson nach dem erfolgreichen Konzert von Zabranjeno Pušenje in der Szene Wien im Juni gesprochen. Er war fröhlich, gut gelaunt und mit dem Besuch zufrieden.


KOSMO: Dies ist nicht nur die Vorstellung eures aktuellen Albums „Muzej Revolucije“ ("Revolutionsmuseum") für das Wiener Publikum, sondern auch ein humanitäres Konzert: Der gesamte Erlös aus den Eintrittskarten wird für humanitäre Zwecke gespendet (Verein Futurebag). Wie ist es zu dieser Zusammenarbeit gekommen und wohin geht das Geld?

Sejo Sekson:  Wo das Geld im Einzelnen hingeht weiß ich nicht, aber es ist die beste Art, wie die Diaspora in der Heimat helfen kann. Es geht um den Kauf von Schultaschen und Ausstattung für die Schule. Wir als Gruppen schließen uns da gerne an, das ist nicht das erste Mal für uns. Wir freuen uns über die Erfolge dieser Kinder. Hier in Wien bin ich gestern mit jungen Leuten aus meinem Grätzel in Sarajevo zusammengesessen. Ich habe mich sehr gefreut, dass sie alle gute Schüler sind und Karriere machen. Und das waren bis gestern noch Kinder aus meiner Straße. Ich bewundere sie, wie sie Deutsch sprechen. Jetzt müssen sie auch anderen Kindern helfen, damit die lernen können. Es können nicht alle für ein besseres Leben auswandern.

Nach 13 Studioalben und 30 Karrierejahren, einer Trennung und einer Wiedervereinigung der Band: Wie blickt ihr heute auf die vergangenen Jahre zurück?


Eine kleine Korrektur: Wir haben bisher zehn Studioalben herausgebracht, nicht 13, auch das Internet irrt sich manchmal... (lacht). Wir arbeiten normal, wie auch vorher. Es stimmt, dass die Band bis zum Krieg eine Zusammensetzung hatte und jetzt eine andere, aber das ändert nichts. Wir spielen alte und neue Lieder, wir schreiben vor den Konzerten nie eine Songliste, sondern wir spielen, wie die Musik uns trägt. Das hängt auch vom Publikum ab. Manchmal will das Publikum ein bestimmtes Lied, und wenn das gut ankommt, machen wir in dem Stil weiter. Es ist komisch, wie alte Lieder begeistern, die wir seit Jahren nicht gespielt haben wie z.B. "Na straži pored Prizrena" (Auf dem Posten bei Prizren"). Nach dem Krieg wollten wir etwa zehn Jahre lang keine Lieder spielen, die irgendeine Verbindung zum Militär etc. haben. Aber wenn das Publikum das will, warum nicht?

Sejo, meisten Hits von "Pušenje" hast du selbst geschrieben, die Zahl ist imposant. Viele von uns sind mit diesen Liedern aufgewachsen. Wie sind sie entstanden?

Sie sind auf verschiedene Weise entstanden. Einige habe ich in drei Minuten geschrieben, andere in drei Jahren, für einige habe ich 30 Jahre gebraucht. Ich brauche eine Inspiration, um ein Lied zu schreiben. Manchmal hatten wir eine Musik und brauchten einen Text dazu, und dann habe ich wieder einen Text gefunden und wir haben die Musik dazu gemacht. Wir hatten im Keller meines Wohnhauses einen Kreativraum, wo wir gespielt haben. Wir haben im selben Haus oder in direkter Nachbarschaft gelebt. Aber das können Sie am besten in der kroatischen Fernsehsendung "Rekonstrukcija" sehen, wo ich der Moderatorin mein Haus, den Keller, wo ich gelebt habe, und alles Mögliche Interessante gezeigt habe: Wer Pišonja und Žuga sind, wo Fikretas Raum war, nach dem der "Zenica Bluz" entstanden ist...

Ein legendärer Frontmann der Gruppe war auch Nele Karajlić (Nenad Janković). Wie ist euer Verhältnis heute, würdet ihr gerne wieder zusammen auftreten?


Für mich ist das sehr komisch, dass er nicht in seine Stadt kommen will. Ich könnte das nicht... Er hat zu unserem Team gehört, ist auf dem Sarajevoer Pflaster groß geworden. Mir ist nicht klar, wie er es geschafft hat, das alles zu verdrängen und zu vergessen. Wir haben keinen Kontakt zueinander und ich glaube, dass wir heute nicht zusammenarbeiten könnten.

Wie gefällt euch das, was Emir Kusturica mit seinem "No Smoking Orchestra" macht?

Ich bin kein Experte für Ethno-Musik und kann keinen Kommentar zu seinen Liedern abgeben. Ich sehe, dass sie mit ihren Auftritten Erfolg haben und in der Welt herumreisen. Ich könnte solche Lieder nicht machen, wir sind Rockmusiker geblieben. Ich habe aber nichts dagegen und wünsche ihnen alles Gute.

„Top Lista Nadrealista“ ist auch ein Teil eurer Karriere - macht ihr noch immer so etwas wie Zenit und schauspielerst du noch?

Nein, nicht mehr, das ist mir zu anstrengend geworden. Ich kann diese Sets von fünfzehn, sechzehn Stunden nicht mehr ertragen. Früher habe ich Sketches geschrieben und dabei Regie geführt, heute macht das Zenit. Habt ihr seine "Nadrealisti" gesehen? Er ist gut, ich schaue ihn mir gerne an, er wohnt in meiner Nachbarschaft. Heute mache ich mehr Musik. Ich habe die Musik zu einigen Filmen und Theatervorstellungen in Sarajevo komponiert. An der Musik liegt mir mehr. Natürlich mache ich hier und da Gastspiele, wenn ich eingeladen werde, irgendeine Episode zu spielen, aber das mache ich alles nur so zum Spaß.

Eines eurer Lieder heißt  „Bog vozi Mercedes“ (Gott fährt Mercedes). Stimmt das, und wenn ja, welches Modell? Vielleicht einen Cabrio?


Das Lied hat alle drei Konfessionen in Sarajevo aufgeregt, obwohl es nicht meine Absicht war, die religiösen Gefühle von irgendwem zu verletzen. Das ist eigentlich ein philosophisches Lied, in dem ich mir die künstlerische Freiheit genommen habe, den Materialismus in den Religionen zu kritisieren. Und da ich sie so sehr beleidigt habe, glaube ich, dass sie sich irgendwo in dem Text wiedergefunden haben. Wenn alle ehrlich wären und sich nur mit den geistlichen Inhalten beschäftigen würden, hätten sie nicht so reagiert. So habe ich die Bestätigung bekommen, dass das Lied sein Ziel erreicht hat. Es hat eine Erscheinung in unserer Gesellschaft ans Licht gebracht, und zwar unabhängig von den Nationen. Diesen Materialismus gibt es in allen Konfessionen.

Wie gut kennst du Österreich und Wien, wie gefällt Ihnen die Stadt?


Wien ist meine Hauptstadt, in die ich immer wieder zurückkehre. Hier leben viele unserer Landsleute und haben sich sehr gut integriert. Es ist schön, diese jungen Menschen zu sehen und mit ihnen zusammen zu sein.

Lesen Sie diesen Artikel auf Bosnisch/Kroatisch/Serbisch in unserer aktuellen KOSMO-Ausgabe (Nr. 46. 09/2013).

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