SATIRE 15.07.2014

Wie Oma Javorka aus der Geschichte herauskam

© zVg.
Der Autor und KOSMO-Redakteur Uroš Miloradović schreibt „Geschichten aus dem kurzsichtigen Winkel“ – diesmal: Weltkriegsstimmung im Altenheim.


Nun ist es sogar meiner Großmutter Javorka gelungen, sich in die Kontroversen rund um den hundertsten Jahrestag des Ersten Weltkriegs zu verstricken. Schuld daran ist ihr neuer Freund Franzl, mit dem sie sich während ihres gemeinsamen Aufenthalts in einer angesehenen Wiener Residenz für ältere, aber nach wie vor übermutige, streitsüchtige und immer noch selbst das Klo benutzende Bürger auf eine Affäre eingelassen hat. Dieser Franzl nämlich begann langsam dem Druck der frühen Demenz zu unterliegen. Vorgestoßen in höhere und folglich dünnere Sphären der Realität hat sich Franzl auf einmal eingebildet, dass er der 1914 ermordete Thronfolger Franz Ferdinand sei.

Zeitgleich mit seinem diskreten Aufenthalt im Vorraum des Wahnsinns, der sich langsam seiner Kontrolle entzog und sich zu einem echten Sturm in die noch nicht kartographierten Gebiete seines Geistes zu entwickeln drohte, begann Franzl Javorka zu beschuldigen, dass sie, als Angehörige des terroristischen Volks, gegen sein Leben Ränke spinne.

Seine vorübergehende Unpässlichkeit wurde von Javorkas Rivalin ausgenützt, einem gewissen aufgedonnerten Flitscherl namens Mitzi – Witwe eines Bahnweichenstellers und Anwärterin auf eine künstliche Hüfte. Sie nährte Franzls Wahnvorstellungen und fing an, sich als Sophie Chotek zu inszenieren. Im Altersheim verbreitete sie Lügen und Gerüchte darüber, dass die blutdurstige Javorka sogar eine Pistole besorgt habe und bereit sei, wenn die richtige Stunde schlägt, sie auch zu verwenden.

Am serbischen Sankt-Veits-Tag (Vidovdan), an dem das Attentat am Thronfolger 1914 begangen wurde, erwischte ich meine Oma, vor dem Spiegel sitzend, wie sie sich einen Schnurbart aufs Gesicht zeichnet. Neben ihr, auf dem Bett, eine offene Flasche mit Hochprozentigem und diverse verstreute Medikamente. Ich dachte ans Schlimmste: „Oma, bist du jetzt Gavrilo Princip und hast vor, den Besatzer umzubringen?“

„Geh bitte“, antwortete Javorka mit erhitzter Stimme. „Scheiß auf dieses Geschichts-Ding – Sarajevo, Attentat, Patriotismus… Die Oma geht auf eine bessere Party, mit Songcontest-Motto, verkleidet als Conchita Wurst! Es gibt auch einen Wet-T-Shirt-Contest und die Auswahl an Opis ist auch viel besser, wenn du weißt, was ich meine…“

Of course, Javorka, of course… 

Uroš Miloradović / KOSMO

Lesen Sie diesen Text auch im Original:
Javorkin izlazak iz istorije

Die Leiden des Andreas Mölzer

Escape from Kärnten

Tough Love – Ich und die SM-Abteilung 35


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