LET''''S TALK ABOUT SEX 02.04.2015

Was ist eine Frau ohne Dildo?

© istockphoto.com
Die Popularität von „50 Shades of Gray“ hat gezeigt, dass Sexualpraktiken, die gestern noch außergewöhnlich waren, längts in den Mainstream Einzug halten. Wir haben uns das Sexleben von Österreich bis zum Balkan angesehen.


Das Buch “50 Shades of Gray” und seine zwei Fortsetzungen wurden in 52 Sprachen übersetzt und in über 100 Millionen Exemplaren verkauft. Der Film spielte in nur einem Monat über 500 Millionen Dollar ein – das 14-fache seiner Produktionskosten. Der Hype explodierte mit der Premiere und führte zu Ausnahmezuständen, nicht nur in den Kinos. In Großbritannien, startete die Feuerwehr in Erwartung des Schlimmsten eine Kampagne, in der sie auf die Folgen unkundiger Ausübung von Sado-Maso-Praktiken hinwies. Vom Feststecken von Gegenständen in verschiedenen Körperhöhlen über Handschellen und Knoten, die sich nicht öffnen lassen, bis hin zu Verbrennungen, Abschürfungen und zum Festsitzen von Organen in zu engen Öffnungen.

Der Wiener Psychotherapeut und Sexualforscher Richard L. Fellner hat den Wirbel rund um die „50 Shades“ mit dem verglichen, der in den neunziger Jahren um „Neuneinhalb Wochen“ ausgebrochen war. „Es ist immer positiv, wenn man über sexuelle Phantasien reden kann. Bücher und Filme schaffen neue Diskussionsfelder, vor allem, weil man im Gespräch über den Film oder das Buch mehr über sich und seine Gefühle reden kann.“

Der Psychologe Wolfgang Kostenwein erklärt die magnetische Anziehungskraft von des dominanten männlichen Protagonisten von „50 Shades“ mit der Phantasie vom sicheren und starken Mann: „Dass vor allem Frauen von diesem Film fasziniert sind, hat damit zu tun, dass der Mann seine sexuellen Phantasien und Neigungen sicher und ohne zu zögern auslebt und klar zeigt, was er will.“

Der erste Pornograph war ein Deutscher


Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass der Sex auch die Aufmerksamkeit unserer Vorfahren stark beansprucht hat. Die ersten Pornographen waren Höhlenmenschen, die unanständige Bildchen an die Wände ihrer Behausungen malten. Diese ersten Versuche waren einfach und hatten noch keine komplizierte Geschichte: kein Auftreten eines Klempners, einer Reinigungskraft am Pool, eines Weihnachtsmannes oder einer Krankenschwester. Hochwertige in Deutschland gefundene Abbildungen (made in Germany) verkürzten unseren Vorfahren vor 30.000 Jahren die Pausen zwischen den lästigen Pflichten des Jagens und Sammelns. Aus Deutschland stammt auch die erste 3D-Darstellung einer nackten Frau mit überdimensionierten Geschlechtsorganen, die vor über 35.000 Jahren aus Mamutzähnen gefertigt wurde.  Der älteste gefundene Höhlendildo stammt aus der Zeit des Paläolithikums, der Altsteinzeit.

Abgesehen von geringfügigen Designkorrekturen haben sich die Dinge von der Mechanik der Steinzeit kaum geändert. Mit dem elektrischen Licht jedoch kam es auch bei den Apparaten zur Stimulierung der erogenen Zonen zu einem großen Entwicklungssprung. Der letzte Schrei in dieser Industrie sind die sogenannten Teledildonics, Stimulatoren, die ferngesteuert über das Internet aktiviert werden und physisch getrennten Partnern die Illusion vermitteln, sie seien zusammen.

„Das weitest verbreitete Spielzeug ist mit Sicherheit der Vibrator, den Frauen mit viel weniger Hemmungen und weitaus häufiger verwenden als vor zwanzig Jahren“, erinnert Fellner und fügt hinzu: „Spielzeuge können definitiv eine Bereicherung des gesunden Sexuallebens sein, aber nur, solange sie für die Menschen nicht das einzige Mittel sind, das es ihnen ermöglicht, zum Höhepunkt zu kommen.“

Aber nicht alle Frauen stehen auf Vibrationen: „Der Körper mancher Frauen braucht einfach eine andere Art sexueller Erregung und Stimulation. Wenn sie nicht wissen, was sie mit einem Vibrator anfangen sollen, heißt das nicht, dass sie verklemmt und desinteressiert sind“, warnt Kostenwein.

Aristokratische Freuden

Ein guter Teil der heutigen BDSM-Fantasien ist jedoch mit Geräten und Accessoires besetzt, die der mittelalterliche Mensch zum Zwecke der Folter ersonnen hat. Aus dieser Periode stammt auch das Korsett, das erste Stück weiblicher Erotikunterwäsche. Um das 15. Jahrhundert herum wurde auch das Auftreten der ersten bescheidenen Vorläufer des BHs registriert. Den Hauptimpuls für das Design weiblicher Dessous brachte jedoch die Französische Revolution, als die Aristokraten unter der Guillotine endeten und die Mode, die sie getragen hatten, konterrevolutionär und unerwünscht wurde. In die aristokratische Zugeknöpftheit schlichen sich mehr Freiheit und nackte Haut. Auch wenn es sie in rudimentärer Form schon früher gegeben hatte, reizte doch erst das 20. Jahrhundert das ganze Potential der sexy Wäsche aus: Strumpfbänder, BHs, Tangas (patentiert 1974), Bodys, Spitzenhöschen und sonstiges.

Migranten und Sex

Die Welle der Enttabuisierung erfasst gnadenlos auch unsere Landsleute in Österreich. Das Leben, in dem sich die Einflüsse zweier Welten kreuzen, kann vor allem für junge Leute eine Quelle potentieller Probleme sein. „Viele junge Migranten befinden sich im Spannungsfeld zwischen den kulturellen Werten ihrer Herkunftsländer und den gesellschaftlichen Gegebenheiten in Österreich. Die Normen, der Familien, können in vollkommener Diskrepanz zur Realität stehen, die von ihren Gleichaltrigen vorgelebt wird“, erklärt Fellner. „Das Interesse am Sex ist allerdings allen jungen Menschen gemeinsam, unabhängig von der Herkunft!“, schließt er.

Balkaner lieben Silikon


Die Belgrader Anthropologiedoktorin Milica Vučurović hat ihre Forschungsarbeit, die auch als Buch erschienen ist („Pornografija. Od pećine do sajber prostora“ („Pornographie. Von der Höhle in den Cyberspace“), Libretto, Beograd, 2014.), dem Phänomen der Online-Pornographie gewidmet. Gegenüber KOSMO sagt sie, dass die ganze Welt, einschließlich unserer selbst, „auf gewisse Formen von Gewalt, Dominanz oder Erniedrigung steht“. Dennoch ist sich der durchschnittliche Pornographiekonsument aus Serbien und der Region dessen nicht bewusst. „Sie irren sich auch darin, dass sie dünnere, weniger kurvige Frauen und natürliche Schönheit gegenüber Silikonimplantaten bevorzugen.“ Zum Verhältnis zur Frau sagt sie: „An der Oberfläche überwiegt bei der Rolle der Frau in der Gesellschaft eine Hyperemanzipation, aber unter der Oberfläche wird von den Frauen erwartet, dass sie ihre Emanzipation mit Unterwürfigkeit und Schutzlosigkeit bezahlen. Es gibt ganze Kategorien, die die gesellschaftliche Rechtfertigung der Gewalt gegenüber Frauen und ihre Unterdrückung rechtfertigen, denn sie stellen Frauen als Spezies dar, bei der Betrug und Promiskuität zu den natürlichen Charaktereigenschaften gehören“, betont Vučurović

Das größte Problem sieht diese junge Expertin darin, dass die Jugendlichen in der Schule nicht kompetent über den Sex aufgeklärt werden, sondern die Online-Pornographie als Unterrichtsmaterial gilt. So kommt es zu einem Übergreifen der pornographischen auf die zwischenmenschlichen Beziehungen, was dazu führt, dass nicht nur Frauen, sondern auch Männer zu Objekten gemacht werden. „Die Konsumenten der Internetpornographie sehen eigentlich alle Partner als Sexualobjekte. Und das ist auch die Situation aller Menschen in der heutigen Gesellschaft“, ist der unerfreuliche Schluss von Milica Vučurović.

Uroš Miloradović / Petar Rosandić

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