BLOG 24.06.2015

Warum ich mich schäme, Serbisch zu sprechen

© istockphoto.com
Unser Blogger Manuel Bahrer ist Österreicher und spricht perfektes Serbisch. Dass einige Wiener allergisch auf (manche) Fremdsprachen reagieren, durfte er schon öfter feststellen.

Viele von euch haben das wahrscheinlich auch schon erlebt. Man spricht in einer Fremdsprache auf der Straße, und die Leute schauen doof, schieben blöde Kommentare, oder reagieren anderweitig aggressiv. Sie vermitteln einem das Gefühl, weniger Wert und unerwünscht zu sein. Persönlich habe ich auch schon an der eigenen Haut erleben dürfen, obwohl ich ja Österreicher bin.

Ich telefoniere mit meinen Jugo-Freunden meistens „na našem“, wie ich es gerne bezeichne. Weder schreie ich beim Telefonieren noch bin ich in irgendeiner anderen Art den anderen Fahrgästen gegenüber lästig. Viele aber stören sich daran, dass ich Serbisch in der Öffentlichkeit spreche: „Scheiß-Ausländer“ oder „Deutsch wird bei uns gesprochen“ bekommt man schnell mal zu hören.

Sprachen zweiter Klasse?

Samstagabend, ich sitze in der Straßenbahn und telefoniere mit Freunden. Zwei Reihen vor mir ein Mann, der sich alle paar Sekunden zu mir umdreht, den Kopf schüttelt und irgendwas in seinen Bart murmelt. Unsere Telefonate verlaufen zumeist halb Deutsch, halb Serbisch. Plötzlich dreht sich der Mann zu mir um und schreit mich fast an: „Sie vergewaltigen die deutsche Sprache!“, schäumt er mir entgegen.

Ich sehe oft genug Menschen, die auf Englisch, Französisch oder einer anderen „Sprache höherer Klasse“ telefonieren. Allerdings habe ich nie das Gefühl, dass diese auch so ekelhaft angemacht werden. Muss ich mich also genieren, die „zweitrangige“ serbische Sprache zu sprechen, oder bin ich gar deswegen menschlich zweitrangig, da ich in der Öffentlichkeit so behandelt werde? Einige meiner Österreicher sollten vielleicht mal aufwachen. Mehrsprachigkeit ist ein Segen und kein Fluch - Beschränktheit und Scheuklappen sind hier viel eher das Böse.

Manuel Maki Bahrer / KOSMO

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