AUSTRIA MEETS BALKAN 12.05.2015

Warum am Balkan die Kinder kleine Götter sind

Wie sehr man sich am Balkan um das Wohl des Kindes sorgt, beschreibt unsere Bloggerin Barbara Šikić in ihrem neuen Blog zum Thema "Austria meets Balkan".


Kinder am Balkan sind die wahren Götter auf Erden. Eigentlich wusste ich das schon immer, aber so richtig klar, was das eigentlich wirklich bedeutet, wurde ich erst, als ich selbst eines bekam…

Schon die Mama in spe wird, sobald sie schwanger ist, umhegt, gepflegt und umsorgt. „Moraš dobro isti“, wird noch wichtiger, als es sowieso schon immer ist. Mein armer Mann musste immer aus Ungarn Kastanienpüree für mich besorgen und die Schwägerin führte mich in der Schubkarre spazieren, als ich zum selber Spazierengehen zu kugelrund und schwer geworden war.

Schließlich war es soweit: Unsere kleine Tochter erblickte das Licht der Welt. Eine waschechte Wienerin: im AKH geboren. Und – ganz die Mama! – zu früh dran. Das hieß, ich lag mit meiner postnatalen Depression ganz allein auf der Neonato, während mein kleiner Engel 20 Meter entfernt auf der Intensiv „gemonitored“ wurde – alles war in Ordnung, aber routinemäßig eben. Und rund um mich nur glückliche Mamis zusammen mit ihren ach so herzigen Neugeborenen.... Nicht auszuhalten all diese Glückseligkeit, aus meiner Perspektive...

Zu fünfzehnt am Krankenbett

Neben mir lag Ila mit ihrem kleinen Diego. Und das war gut so. Bis heute und auf immer und ewig bin ich ihr dankbar. Weil Ila gut auf mich achtete und sicher die liebste (eben richtig balkanische!) Mama ist. Rund um ihr Bett spielte sich ab, was ich somit bequem als Außenstehende beobachten konnte: Die Sippschaft traf ein, um den neuen Erdenbürger gebührend zu begrüßen.

Allen voran ein riesiger Blumenstrauß, an dem das Oberhaupt der Familie, der stolze Ćaća, hing. Gefolgt vom schon ganz schön großen Bruder, dem kleinen Diego. Danach die Babas und Đeds, zwei bis drei Tanten und Onkels und sehr wahrscheinlich waren der jüngere Rest Cousinen und Cousins. An die 15 Leute standen also um Ilas Bett herum. Ila wurde überhäuft mit – mehr oder weniger brauchbaren – Geschenken, die in so einem Krankenhauszimmer gar nicht Platz finden konnten. Klein-Diego wurde seiner Mama entrissen und hergezeigt und weitergereicht und geküsst und geherzt und gedrückt und liebkost: „Oj kako lipo...“ „Aaaajme, vidiš li...?“ „Kako slatko...“ Es sprudelte und tönte und blubberte nur so vor sich hin.

Drei Stunden später…

Der Trubel dauerte sicher drei Stunden... Und das waren erst die 15 wichtigsten, unmittelbarsten Familienmitglieder. Ein Teil der weiteren Verwandtschaft folgte in den kommenden Tagen. Ich war jedes Mal genauso fertig wie Ila selbst, wenn sie wieder abzogen und Ruhe einkehrte in unser Zweibettzimmer und das, obwohl ich im Gegensatz zu Ila immer die Möglichkeit hatte, mich aus dem Staub zu machen, wenn es mir zu viel wurde. Oh diese überschwengliche und nur gut gemeinte Herzlichkeit!

Meine Verwandtschaft kroatischer Seite war ebenso herzlich. Aber sie durften unser Töchterchen nur in seitens AKH definierter Anzahl und zu bestimmten Zeiten besuchen. So wurde unser Baby nur „portionsweise“ den engsten Anverwandten vorgestellt, was auch seinen Reiz hatte: So konnten der Opa genauso wie der Dida, jeder der beiden ausführliche 30min mit dem Neugeborenen für sich verbringen. Die große Feier und das große Willkommen feierten wir erst viel später: Als unsere Tochter zu uns nachhause kam...

Barbara Šikić / KOSMO

Übersetzungen:
Moras dobro isti - Du musst gut essen
Ćaća - Papa
Babas und Đeds - Omas und Opas
„Oj kako lipo...“ - Oh wie schön
„Aaaajme, vidisli...?“  - Jö, schau doch mal    
„Kako slatko...“     - Wie süß
Dide - Opa (Dalmatien)

Hilfe, mein Kind spricht Kroatisch!


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