KROATIEN 05.03.2015

Vukovar: eine geteilte Stadt

© Radule Božinović
Auch 20 Jahre nach dem Kroatienkrieg wird die Stadt Vukovar immer noch von der traurigen Vergangenheit heimgesucht. Ein KOSMO-Team besuchte die ostkroatische Stadt, in der immer noch Spannungen zwischen Kroaten und Serben herrschen.


Die Technische Schule "Nikola Tesla" in der Borovo-Siedlung wirkt auf den ersten Blick nicht außergewöhnlich: Schülerinnen und Schüler, die sich vor der Schule sammeln, Witzeln und Lachen während der Pause in den Gängen, Professoren, die sich auf den Unterricht vorbereiten und der unverzichtbare Schulwart, der alles mit wachsamen Augen beobachtet. Aber das Bild des normalen Schulalltags täuscht. Denn die Schüler dieser Schule sind durch eine unsichtbare Wand von einander getrennt. Auf der einen Seite sind die kroatischen, auf der anderen die serbischen Klassen, zwischen denen auch noch über 20 Jahre nach dem Krieg vollständige Segregation herrscht.

„In Vukovar hat man uns schon immer in Kroaten und Serben geteilt, vom Kindergarten an bis zum Ende der Mittelschule. Unsere Schüler gehen heute in verschiedene Lehrsäle, aber sie fahren mit demselben Bus, gehen in dasselbe städtische Kino und spazieren durch dieselben Straßen. Darin liegt das größte Absurdum dieser Teilung“, sagt Irina Marić (30), Professorin für kroatische Sprache, die dieses System der Segregation in Vukovar genau wie ihre Schüler durchlaufen hat.

„Ein verstocktes Milieu“

Aber Marić hat ihren eigenen Weg gefunden, dem System zu trotzen: Obwohl sie ethnische Serbin ist, hat sie sich entschieden, in Osijek Kroatisch zu studieren, um die „Gegenseite“ zu unterrichten – kroatische Schüler. „Im Grunde verstehen die meisten Eltern, Schüler und Lehrer unabhängig von ihrer Nationalität und ihrer politischen Überzeugung, dass dies nicht gesund ist und im 21. Jahrhundert nicht als normal gelten kann. Kinder nach Nationalitäten zu trennen, ist sinnlos. Noch fehlt der politische Wille in Kroatien, das tatsächlich zu ändern. Aber irgendwann muss diese Änderung doch eintreten“, fügt Marić hinzu, die kroatische Klassen unterrichtet, aber gleichzeitig auch eine Klasse im serbischen Zweig führt.

Die Trennung nach Serben und Kroaten besteht in den Schulen bereits seit der friedlichen Wiedereingliederung des kroatischen Donaubeckens (1996-1998), als die besetzten Gebiete auf der Basis des Abkommens von Erdut unter die Souveranität Kroatiens zurückkamen. Damals stellte das Abkommen vom November 1995 einen enormen Fortschritt in der friedlichen Lösung der kriegerischen Auseinandersetzungen dar, in denen Vukovar 1991 nach einer vollständigen Zerstörung durch die Jugoslawische Armee zum Symbol des Leidens und Grauens geworden war. Aus heutiger Sicht jedoch ist dieses Dokument gleichermaßen ein Garant des Friedens wie auch ein Hindernis für ein Zusammenleben zwischen Kroaten und Serben im kroatischen Donauraum, und vor allem in Vukovar.

Frustration und Nostalgie

„Früher war Vukovar nach Maribor die zweitreichste Stadt im ehemaligen Jugoslawien. Sie hatte mehr Arbeitsplätze als Einwohner“, wird Dora Mayer, eine Volksdeutsche, deren Familie schon seit Generationen in Vukovar lebt, nostalgisch, während wir im renovierten Café des Hotels Lav im Stadtzentrum sitzen. Die Borovo-Fabrik, der älteste kroatische Lederhersteller, hatte damals 25.000 Arbeiter, während heute nur noch tausend Vukovarer ihren Lebensunterhalt in der Fabrik verdienen. „Wir hatten alles: Arbeit und 27 Minderheiten und ein normales Leben, und niemand fragte den anderen nach der Nationalität“, sagt Dara Mayer.

Vom einstigen Glanz findet man heute in Vukovar keine Spuren mehr. Während das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Kroatien mehr als 7.000 Dollar beträgt, sind es in Vukovar nur 2.070 Dollar. „Es ist nicht leicht für uns, weder für die Serben noch für die Kroaten noch für die übrigen Bürger Vukovars. Wegen dieser Teilung sind wir heute eine paralysierte Stadt“, bekennt Bürgermeister Ivan Penava (HDZ) in unserem Gespräch offen.

Festgefahrene Positionen

Wie ungesund die ganze Atmosphäre ist, zeigen auch die zahlreichen Zwischenfälle und Proteste gegen den letztjährigen Versuch, in Vukovar neben den lateinischen auch kyrillische Schilder an den wichtigsten städtischen Institutionen anzubringen, die der serbischen Minderheit verfassungsmäßig zustehen. Aufgrund der zahlreichen Proteste und Zwischenfälle findet man heute nur an wenigen Gebäuden wie zum Beispiel an dem der Polizeistation kyrillische Aufschriften. „Natürlich ist die kyrillische Schrift nicht das Problem, sondern der Zorn und die Emotionen, die von ihrer Einführung geweckt wurden“, sagt Bürgermeister Penava. Auf die direkte Frage, ob es ihn stört, dass vor seinem Büro neben der lateinischen auch eine Tafel mit kyrillischer Aufschrift hängen würde, nickt Penava bestätigend mit dem Kopf. Andere sehen aber auch positive Tendenzen.

Škoro im serbischen Radio

„In Vukovar brauchen die Dinge Zeit, aber es gibt doch positive Veränderungen im Zusammenleben“, erklärt Vladimir Todorović, Radiomoderator bei der serbischen Radiostation Dunav in Vukovar. „Bei uns melden sich bei uns immer häufiger kroatische Hörer, und wir spielen auch kroatische Musiker. Sie werden es mir nicht glauben, aber wir spielen auch Miroslav Škoro (ein patriotischer kroatischer Sänger, Anm.d.Red.), allerdings nur die Lieder, die keine Kriegs- oder Nationalismusthematik haben“, erklärt der Journalist. „Aber egal, wie sehr sich die Dinge auf der zwischenmenschlichen Ebene verbessern, es bleibt doch der bittere Geschmack der Teilung in den Schulen. Ich hätte mein Kind gerne an einer normalen Schule angemeldet, wo nicht nach Serben und Kroaten, nach Blonden und Dunklen, nach diesen und jenen getrennt wird“, schließt Todorović.

Eine neue Schule

Dass eines der fundamentalen Probleme in Vukovar die Teilung in den Schulen ist, hat kürzlich auch die NGO „Nansen Dijalog Centar“ aus Osijek festgestellt, die sich seit 2003 um die Gründung der ersten gemeinsamen, integrierten Schule in Vukovar bemüht. Die Idee mit dem Titel „Nova škola“ („Neue Schule“) ist es, der Stadt eine Schule zu geben, die serbischen und kroatischen Schülern gemeinsam nicht nur eine moderne und hochwertige Ausbildung bieten soll, sondern auch moderne Werte und ein friedliches Zusammenleben der Bürger verschiedener Nationalitäten fördern soll. „Die Situation der Teilung beschert Vukovar keine gute Zukunft“, erklärt uns die Leiterin des Nansen Dijalog Centar, Ivana Milas.

Dass die politischen Eliten im Gegensatz zu manchen Lehrern noch nicht bereit sind, ein Projekt wie die Nova škola zu verwirklichen, zeigen auch die Worte von Bürgermeister Ivan Penava im Gespräch mit KOSMO. „Das Problem in Vukovar ist nicht, dass das kroatische Bildungssystem keine Alternativen bietet, sondern dass die Vertreter eines Teils der serbischen Minderheit unter allen verschiedenen Schulmodellen, die angeboten werden, genau das Modell A favorisiert, das zur Teilung führt“, behauptet er und fügt hinzu, dass es sich bei der Neuen Schule um eine „jugoslawische Geschichte“ handelt.

Eine Rebellin aus Borovo

Aber in Vukovar gibt es auch andere Stimmen, die sich für eine möglichst schnelle Verwirklichung von Projekten wie der Neuen Schule einsetzen. Eine solche Stimme gehört Biljana Gaća aus der Siedlung Borovo, die mit 24 Jahren die jüngste Stadträtin ist.

„In meiner Schulzeit gab es alles Mögliche, auch verbale und physische Angriffe zwischen serbischen und kroatischen Schülern“, erklärt die studierte Politologin, die auch ihre Diplomarbeit genau diesem Thema gewidmet hat. Ihr Ziel war es, wie sie sagt, zu zeigen, dass das bestehende Bildungsmodell in Vukovar nicht die direkte Wahl der Eltern und der Kinder ist, sondern „jener politischen Eliten, die von dieser Teilung profitieren.“

„Realistisch gesehen müssten wir uns mit den echten, ernsthaften Problemen befassen, z.B. mit der Tatsache, dass alle jungen Leute die Stadt verlassen, statt ständig in der Vergangenheit zu wühlen. Allein in meinem Freundeskreis sind in letzten paar Monaten fünf Leute ins Ausland gegangen“, sagt uns die junge Vukovarerin Viktorija (22), während wir in einem der Cafés im Stadtzentrum sitzen.

Zusammen bei Turbofolk


Die Cafés in Vukovar sind allerdings zum Großteil noch immer nach kroatischen und serbischen Besitzern getrennt, aber in ihnen kommt es – im Gegensatz zu den Schulbänken – tatsächlich zum Zusammentreffen von Serben und Kroaten. „Es gibt immer mehr Lokale, in die man gemeinsam gehen kann“, sagt und Saša Bjelanović, der Leiter der Friedensgruppe junger Leute „Dunav“. Dabei fügt er lachend hinzu, dass sie vor allem zu Turbofolk-Partys zusammenkommen, die in Vukovar die größte Zahl junger Leute anziehen.

Bei unserer Abreise aus Vukovar sind die Eindrücke überwiegend pessimistisch. Dennoch bringen uns neue Bekanntschaften wie die mit der jungen Biljana Gaća, der Lehrerin Irina Marić, mit Saša Bjelanović, der Leiterin des Nansen Centar Ivana Milas und vielen anderen ein Lächeln ins Gesicht ein bißchen Hoffnung zurück. Sie sind Menschen, die den jungen Generationen in Vukovar vielleicht für einen Moment ein Fenster öffnen können, weil sie nicht von „denen“ und „uns“ reden, sondern über Vukovar als über ihre vereinigte gemeinsame Heimat.

Petar Rosandić / KOSMO

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