KARRIERE 08.07.2013

Von der Baustelle zum Sprachinstitut

© KOSMO / Radule Božinović
Vor 39 Jahren kam er als Gastarbeiter nach Österreich. Mirko Vrdoljak, der Gründer des Wiener Sprachinstituts "Germanica", erzählt uns von seinem Lebensweg.

„Ich wollte eigentlich nur Geld fürs Studium verdienen und dann nach Hause zurückkehren, aber aus sechs Monaten sind 39 Jahre geworden“, erzählt Mirko Vrdoljak (62) zu Beginn unseres Gesprächs verschmitzt. Geboren in den dalmatinischen Bergen über der Stadt Split, aufgewachsen in Vukovar verschlug es ihn 1974 nach Österreich. „Ich bin, wie viele Gastarbeiter jener Zeit, für sechs Monate nach Vorarlberg gekommen – schwarz über die Grenze und dann Richtung Baustelle.“

Auf der Baustelle sollte er aber nicht lange bleiben. Der ehrgeizige junge Mann begann ein Studium der Mathematik, Physik und Chemie und hatte bald eine Antellung als Lehrer, zuerst in Vorarlberg, ab 1994 in Wien. Daneben arbeitete er bei der Arbeiterkammer als Übersetzer und als beeideter Dolmetscher bei Gericht.

Mit dem Übersetzungen begann auch die Geschichte seines Sprachinstituts Germanica: „Das Übersetzungsbüro, das ich 1997 im Westbahnhof eröffnet habe, ist das Fundament des heutigen Instituts Germanica." Neben dem Übersetzen von Dokumenten aus 20 Sprachen begann seine Schule bald auch Computerkurse und Deutschkurse anzubieten und entwickelte sich stetig weiter.

Lernen mit PC und Handy

Vom Innenministerium erhielt die Germanica 2006 das Zertifikat zur Abhaltung von Deutschintegrationskursen. Für die neue Herausforderung mussten ganz neue Lehrpläne erarbeitet werden: „Uns war sofort klar, dass die Lehrbücher der deutschen Sprache für Erwachsene alle aus Deutschland stammen. Statt Angaben zur österreichischen Gesellschaft, enthalten sie nur Informationen über Deutschland. Darum haben wir aus den Skripten, mit denen wir unterrichtet haben, das erste Lehrbuch entwickelt, über dessen Inhalt man dieses Land kennenlernt“, betont der Leiter von Germanica.

Im kommenden Herbst werden 18 eigene Bücher fertiggestellt, je sechs pro Stufe bis hin zum Abschlusskurs des Niveaus B1. Zu den Büchern erhalten die Schüler moderne Mobiltelefone. Damit können sie in den Lehrbüchern bestimmte Codes scannen und am Display die Lehrfilme zu den einzelnen Lektionen anschauen. "Das heißt, sie können zum Beispiel in den öffentlichen Verkehrsmitteln lernen“, betont unser Gesprächspartner.


Deutschkurse, Pflichtschulabschluss und Alphabetisierung

Jedes Jahr gibt es in Österreich 5.000 Menschen, die den achtjährigen Pflichtschulabschluss nicht schafen. An der Germanica können Personen über 16 Jahren – nach oben hin gibt es keine Altergrenze – in einem siebenmonatige Kurs ihren Abschluss nachholen. Das Programm wird von der Stadt Wien und dem AMS finanziert und ist für die Teilnehmer kostenlos. Daneben gibt es ein Programm für Analphabeten, betont Mirko Vrdoljak stolz und fügt hinzu, dass Germanica bald auch mit der Herausgabe einer Zeitschrift beginnen wird, die Themen rund  um die Arbeit des Instituts behandeln wird.

Vera Marjanović / KOMSO-Redaktion


Lesen Sie diesen Artikel auf Bosnisch/Kroatisch/Serbisch in unserer aktuellen KOSMO-Ausgabe (Nr. 45. 07-08/2013).

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