KOMMENTAR 13.11.2014

Vom Einzelfall zum Flächenbrand

© zVg.
Diese Woche kam es zu einem Angriff auf muslimische Frauen in Wien. Es ist nicht der erste solche Fall. Ein Kommentar über das gefährliche Kippen einer emotional aufgeheizten Islam-Debatte.


Auf offener Straße wurden drei junge Frauen von einem fremden Mann angegriffen, als „Talibanerinnen“ und „ISIS-Tussis“ beschimpft und schließlich ins Gesicht geschlagen. Das ausschlaggebende Signal für den Angriff war das Kopftuch, das die Frauen in der Anonymität der Großstadt als Musliminnen identifizierte. Der Angreifer konnte ungehindert verschwinden, nur ein Handy-Video bleibt. Es ist nicht der erste Zwischenfall dieser Art, der in den vergangenen Monaten passiert. Aber es sollte für uns alle ein alarmierendes Zeichen sein.

Solche Ausfälle rufen unangenehme Erinnerungen an die Anfänge des blutigen Zerfalls des ehemaligen Jugoslawien wach. Auch damals war immer wieder in den Chronikseiten der Zeitungen von den vermeintlichen „Ausrastern“ von Einzeltätern oder kleinen Gruppen zu lesen, die sich von anderen ethnischen Gruppen bedroht fühlten. Man darf nicht vergessen, dass die Aggression am Balkan nicht aus dem luftleeren Raum kam. Das Gefühl der Bedrohung durch „die anderen“ war es, das von nationalistischen Politikern und Medien ausgenützt und geschürt wurde und letztendlich zum offenen Ausbruch der Gewalt führte.

Die täglichen Meldungen über die Gräueltaten der IS-Terroristen werden leider vielfach undifferenziert auf die oft seit Jahrzehnten in Österreich lebenden oder hier geborenen Muslime projiziert. Politische Kleingeldjäger riefen zuletzt zu emotional aufgeladenen Demonstrationen gegen den Bau eines islamischen Gymnasiums in Wien auf. Ein umstrittenes Islamgesetz verschärft die Spannungen zwischen Austro-Muslimen und der Mehrheitsbevölkerung noch weiter. Die Boulevard-Medien tun ihr Übriges.

Ängste vor dem radikalen Islamismus sind verständlich und sollten ernst genommen werden. Zwischenfälle wie dieser zeigen aber, dass die Grenze zwischen einer produktiven Diskussion und undifferenzierter Panikmache längst überschritten ist.

Ljubiša Buzić / KOSMO

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