INTERVIEW 18.12.2014

Vom Amselfeld zur Hypo-Bank

© Tanja Drašković-Savić
Das Jahr 2014 stand im Zeichen des 100-jährigen Gedenkens des Ersten Weltkriegs. Am Ende des Jahres sprachen wir mit dem Wiener Autor Richard Schuberth, der an dem Buch „Veliki rat – Der große Krieg. Der Erste Weltkrieg im Spiegel der serbischen Literatur und Presse“ mitgearbeitet hat und sich seit Jahren mit dem Balkan beschäftigt.


KOSMO: In dem Buch „Veliki rat“ werden Berichte und literarische Stimmen von Zeitzeugen des Ersten Weltkriegs zusammengetragen. Welche Sichtweisen haben die serbischen Vertreter in dem Buch auf diesen Krieg?

Richard Schuberth: Jedenfalls nicht die, die sich der westliche Leser erwarten mag. Natürlich gibt es hier und da auch das zeittypisch schwülstig-patriotische Gedicht, aber im Großen und Ganzen finden sich großartige Reflexionen zu den vielen bitteren Aspekten eines aufgezwungenen Krieges. Interessanterweise kein oder kaum ein Dokument des Hasses auf den „Feind“. 

Welche neuen Einsichten haben Sie aus der Arbeit an dem Buch gewonnen?

Es hat mir eine bürgerliche urbane Gesellschaft gezeigt, die innerhalb von zwei Generationen erstaunlich nachgeholt hat und mit den geistigen Entwicklungen in Paris, London und Wien Schritt hielt. Ich lernte großartige Dichter kennen wie den modernen Poeten Vladislav Petković Dis oder Stanislav Vinaver aus Šabac. Auch den Abdruck des Ultimatums der k.u.k. Regierung an Serbien und dessen Antwort darauf sollte jeder lesen, der sich mit dem Ersten Weltkrieg beschäftigt.

Die zentrale europäische Gedenkfeier wurde in Sarajevo veranstaltet, während die offizielle Delegation aus Serbien im benachbartem Andrićgrad, mit Politikern aus der Republika Srpska, gefeiert hat. Wie erklären Sie die Koexistenz so unterschiedlicher Gedächtnisse?

Ich erkläre sie mir dadurch, dass die blutige Saat des Nationalismus, die am Vorabend des „Großen Krieges“ gesät wurde, auch heute noch die prallsten Früchte der Dummheit reifen lässt. In der bosnischen Föderation verklärt man das Wiener Regime, in der Republika Srpska und in Serbien wird Princip zu einem großserbischen Märtyrer umgelogen. Dabei hat ihn in den 70er Jahren der bosnische Sevdah-Sänger Safet Isović noch als „bosnischen Helden“ besungen. Nur wenige in der Organisation Mlada Bosna waren großserbisch eingestellt, viele akzeptierten die Rolle Belgrads als eines „Piemont“ einer pan-südslawischen Vereinigung. Sie hatte viele Muslime (z.B. Muhamed Mehmedbašić u. Djulaga Bukovac) und Kroaten (z.B. Ivo Kranjčević) in ihren Reihen. In erster Linie war das eine sozialrevolutionäre Bewegung. Davon wollen die nationalistischen Blockheads unserer Tage nichts wissen. Aus guten Gründen.

Wie gefährlich ist das für die Bildung einer gemeinsamen europäischen Identität? Sind das die Vorzeichen zukünftiger Konflikte?

Es sind die Parodien zutiefst europäischer Widersprüche. Unter der aufklärerischen Punschglasur der europäischen Werte präsentiert sich die EU als eine ökonomische Interessensgemeinschaft, gegen welche die lokalen Nationalismen sich als gleichfalls wirtschaftlich motiviertes Protestpotenzial in Stellung bringen. Die wahren Helden einer neuen europäischen Identität waren die bosnischen Demonstranten letzten Frühling, die sowohl gegen Nationalismus als auch Sozialabbau und Austeritätspolitik protestierten. Das waren die wahren Demokraten, das merkt man schon daran, dass die Monopolisten westlicher Demokratie mit einer Aufstockung der SFOR-Truppen gegen sie drohten.

Ein syrischer TV-Sender hat fälschlicherweise die Nachricht veröffentlicht, der österreichische Thronfolger sei gerade, Juni 2014, in Sarajevo ermordet worden. Liefert die Geschichte mehr Stoff für Komödie oder Tragödie?

Das Lachen könnte uns noch vergehen. Die Kriegsvorbereitungen laufen heute wie vor 100 Jahren auf Hochtouren. Doch es gibt wie damals einen Haufen gefährlicher Narren in der Politik, deren Finger am Trigger nervös sind. Die wenigsten hielten es im Juli 1914 für möglich, dass das Attentat in Sarajevo einen Krieg auslösen könnte. Die Anlässe sind immer selektiv und absurd. Aber die Narren warten auch heute auf ihre Stunde. Und wie damals haben sie ihre Kettenhunde in den Radaktionsstuben der Medien.

Leben die Leute am Balkan noch als Geisel der „schlechten Vergangenheit“ und ihre Politiker?


Nichts drückt es besser aus als die Geisel-Metapher. Ich war vor kurzem in Kroatien. Dort gilt „Jugoslawe“ als schlimmstes Schimpfwort, gleich gefolgt von „Kommunist“. Gemeint sind damit neoliberale Politiker, deren Patriotismus sanfter ausfällt und die zaghaft soziale Standards einfordern. Der „bosnische Frühling“ war das kurze Aufblitzen eines Hoffnungslichtes.

Ist eher der Nationalismus oder die schlechte Ökonomie das Problem des Balkans?

Der Nationalismus auf dem Balkan wird uns immer als zweite oder gar erste Natur der Südosteuropäer erklärt. In Wirklichkeit ist er eine Ideologie aus dem Innersten des europäischen Modernisierungsprozesses. Dieser hat sich in den Verteilungskämpfen der postosmanischen (und später postsozialistischen) Peripherien besonders brutal und grotesk gezeigt. Wie sehr der importierte Raubtierkapitalismus Leid und Realitätsverlust am Balkan mitverschuldet haben, passt da nicht ins Konzept. Wer den Balkan verstehen will, sollte nicht nur den Amselfeldmythos oder die lokalen Operettenpolitiker, sondern auch die Geschichte der Hypo Alpe Adria studieren.

Interview: Uroš Miloradović / KOSMO

ZUR PERSON:
Richard Schuberth ist Autor zahlreicher Bücher wie „Freitag in Sarajevo” oder „Das neue Wörterbuch des Teufels“. Sein neuer Roman „Chronik einer fröhlichen Verschwörung“ erscheint demnächst bei Zsolnay.

ZUM BUCH:
Gordana Ilić Marković (Hrsg.): Veliki Rat - der Große Krieg. Der Erste Weltkrieg im Spiegel der serbischen Literatur und Presse. Promedia Verlag, Wien 2014, 272 Seiten, 19,90 Euro.

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