MENSCHEN 05.07.2013

Verspielte Chancen

© KOSMO / Radule Božinović
Zehn Jahre seines Lebens verbrachte er hinter dem Spieltisch, aber dann begann er eine Therapie. Mit seinem Bericht möchte Amir Turbić andere auf den richtigen Weg bringen.

Er war noch nicht einmal volljährig, als er zum ersten Mal in einem Automatenlokal zockte. Er ging alleine dorthin, denn er war neugierig. In der Tasche hatte er gerade einmal zehn Euro. Da er erwachsen aussah, fragte ihn niemand nach seinem Ausweis.

„Mein Geld habe ich natürlich verloren. Aber ein paar Tage später stand ich mit 20 Euro Taschengeld wieder vor dem Automaten und verdoppelte sie in wenigen Minuten. Das gefiel mir natürlich. Mit der Zeit ging ich immer häufiger in diese Lokale“, beginnt Amir Turbić (29) seine Beichte und fügt hinzu, dass er glücklich wäre, zumindest einen Menschen vor der Spielsucht zu bewahren.

Die Spielautomaten nahmen seine Aufmerksamkeit fast drei Jahre lang in Beschlag. Natürlich wuchsen die Einsätze, aber auch die Verluste und die Abhängigkeit. „Die größte Summe, die ich in dieser Zeit gewonnen habe, betrug ca. 400 Euro, aber verloren habe ich weitaus mehr, und nicht nur Geld. Amir hatte eine kurze Phase, in der er kleinere Summen bei Sportwetten einsetzte, aber das bot ihm nicht genügend Herausforderung. Sein Interesse für Automaten erlosch fast über Nacht. Er schwor sich, nicht eine Münze mehr in diese Metallapparate zu stecken, und hielt diesen Schwur. Aber aufs Spielen verzichtete er deswegen nicht. Im Gegenteil, er verstrickte sich noch tiefer in dieses Laster. „Aus einer Form der Abhängigkeit wechselte ich in eine andere. Ich begann, Karten zu spielen. Ich redete mir ein, ein sehr intelligenter Bursche zu sein, der hinter dem Spiel­tisch Wunder vollbringen könnte.“


Immer tiefer in die Sucht

In dieser Zeit hatte der junge Mann eine Anstellung und investierte seinen gesamten Verdienst in das Spiel. Als ihm das nicht  mehr reichte, nahm er auch Geld von seinen Eltern. Manchmal hatte er nicht einmal genug zum Essen. „Einmal sind Mama und Papa in Urlaub gefahren und ich blieb in Wien. Ich hatte meinen Lohn und eine gewisse Summe, die mir die Eltern dagelassen hatten. Alles habe ich im Casino eingesetzt und konnte am Ende nicht einmal Brot kaufen. Zehn Tage lebte ich nur von Kaffee, Zucker und Wasser“

Wenn jemand spielsüchtig ist, spielt es keine Rolle, ob er viel gewinnt oder viel verliert. Wenn er gewinnt, will er noch mehr, wenn er verliert, will jeder zumindest das Verlorene wieder hereinbringen. „Wenn Sie einen Spieler fragen, warum er das tut, wird fast jeder sagen, dass er für den Moment lebt, in dem er einen großen Gewinn macht. Dann würde er seine Schulden zahlen und das Spielen lassen. Das ist gelogen! Ich habe geglaubt, dass ich das Geld liebe und dass ich spiele, um mehr Geld zu haben. Aber wenn mir damals jemand eine halbe Million Euro angeboten hätte unter der Bedingung, dass ich mit dem Spielen aufhöre, hätte ich das sicher nicht angenommen“, beichtet Amir. Als er die Schulden nicht mehr zurückzahlen konnte und sie mit dem Geld aus Spielgewinnen beglich, verfolgten ihn gewissen Leute, forderten Geld und drohten ihm. Zum Glück verletzte ihn nie jemand. Er dachte, dass ihn eine Heirat zur Vernunft bringen würde, und so machte er seiner Freundin einen Antrag.
„Meine Frau wusste noch fast ein Jahr nach der Hochzeit nicht, dass ich in Problemen steckte, aber dann fand sie einen Haufen unbezahlter Rechnungen, die ich versteckt hatte, weil ich das Geld dafür verspielt hatte, und da wurde ihr alles klar.“


Im Casino verliert man den Bezug zur Außenwelt

„Wenn ich über Nacht im Casino geblieben war, hatte ich die unwahrscheinlichsten Ausreden erfunden und war sicher, dass sie mir glauben würde. Einmal bin ich drei Tage und drei Nächte nicht aus dem Spielsalon herausgekommen. Das Gefühl war schrecklich, der Geschmack im Mund eklig… Mir ging es furchtbar schlecht. Neben mir nahmen Leute Drogen, um wach zu bleiben. Zum Glück habe ich in meinem Leben keine Narkotika angerührt“, fährt Amir Turbić fort.

Im Casino ist alles so angelegt, dass die Gäste die Beziehung zur Außenwelt verlieren. Es gibt keine Uhren, kein Tageslicht, und die Be­schäftigten sind dafür ausgebildet, die Gäste möglichst lange dort festzuhalten. „Ich wusste, dass ich in nur einer Nacht 15.000 Euro verlieren, aber auch ebensoviel gewinnen könnte. Mir war bewusst, dass das nicht gut ausgehen konnte. Ich schämte mich vor meiner Familie, schwor ihnen und mir, dass ich nie wieder ins Casino gehen würde. Nicht einmal die Geburt meines Kindes konnte die Versuchung bezwingen.“


Der schwere Weg in die Normalität

Auf den Weg der Heilung von dieser schweren Krankheit machte sich Amir, erst als er schon mit einem Fuß im Gefängnis stand. Er hatte jedes Maß und jeden Bezug zur Realität verloren und innerhalb von zwei Monaten ca. 10.000 Euro Firmengeld verspielt. „In der Firma wussten sie nicht, dass ich spielsüchtig war. Ich genoss das Vertrauen der anderen, stahl aber gleichzeitig ihr Geld. Als alles herauskam und als klar wurde, dass ich im Gefängnis landen würde, sind mir meine Eltern zum hundertsten Mal zu Hilfe gekommen und haben mich gerettet." Die Eltern zahlten der Firma das Geld zurück, und Amir begann eine Therapie.

"Mit meiner Mutter ging ich zum Psychiater, und der sagte offen, dass Spieler lügen und dass der Weg zur Abstinenz lang und hart ist. Ich weinte wie ein Kind und sagte, es gäbe keine Rettung, aber ich bin doch mit meinem Vater in die Beratungsstelle der Caritas gegangen. Meine nächste Station war eine psychiatrische Klinik, in der ich zwei Monate verbrachte“, erzählt Amir von seiner Rückkehr in die Welt der Gesunden. In der Klinik sah er Menschen, die schon ein Dutzend Therapien zuvor begonnen hatten und immer wieder zu Alkohol, Drogen und Spielen zurückgekehrt waren. Er war schockiert, entsetzt über sie und über sich selber, aber er brachte die Kraft auf, durchzuhalten. Er fürchtete jedoch die Rückkehr ins Alltagsleben.

Vertrauen wiedergewinnen

„Zu Beginn haben meine Eltern und meine Frau jeden meiner Schritte überwacht. Sie mussten immer wissen, wo ich war, und sie gaben mir nur fünf bis zehn Euro pro Tag, denn ich durfte nie mehr Geld bei mir haben. Die Probleme begannen, als ich in die Phase kam, mein Leben wieder in meine eigenen Hände zu nehmen. Sie hatten das Vertrauen in mich verloren, und ich weiß, dass sie viel Zeit brauchen, um es wiederzufinden.  Manchmal tut mir ihr Misstrauen weh, aber ich kann es ihnen nicht verübeln, denn ich habe früher bei meinen Versprechen zu oft gelogen“, betont unser Gesprächspartner erregt.

Amir hat ein neues Kapitel begonnen und wünscht sich ein neues Leben. Er beharrt darauf, dass ihn nichts mehr von dem Weg abbringen kann. „Ich habe wahnsinnig viel Geld verspielt. Wenn ich Bilanz ziehe, komme ich auf eine Summe von etwa 350.000 Euro, das ist furchtbar. Inzwischen habe ich mich an den Gedanken gewöhnt, die Schulden mit ehrlich verdientem Geld abzuzahlen, nicht mit Gewinnen aus dem Kartenspiel.“

Heute besucht Amir in einem AMS-Programm eine Schule, die ihn zum Trainer für interkulturelle Kooperat­ion und Integration ausbildet. Sein großer Wunsch ist es, Psychologie zu studieren und selbst Menschen zu helfen, sich aus den Klauen der Spielsucht zu befreien. „Natürlich habe ich das Glück, dass meine Eltern immer hinter mir stehen und dass sie mich buchstäblich am Rande des Abgrundes gefangen haben. Darum rate ich allen, die ein Problem mit dem Spielen haben, sich ihren Eltern anzuvertrauen und eine Beratungsstelle aufzusuchen“, sagt Amir am Ende des Gesprächs mit unserer Reporterin.

KOSMO / Vera Marjanović

Lesen Sie diesen Artikel auf Bosnisch/Kroatisch/Serbisch in unserer aktuellen KOSMO-Ausgabe (Nr. 45. 07-08/2013).

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