INTERVIEW 01.12.2014

Verliebt in Bosnien: „Bis mich der Durchzug tötet“

© Privataufnahme
Johannes Gereons ist 19 Jahre alt, kommt aus Deutschland und macht gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr in Bosnien-Herzegowina. Im E-Mail-Interview berichtete uns der Maturant und Musiker über seine erste Begegnung mit dem unbekannten Balkan.


KOSMO: Warum hast du dich bei deinem Freiwilligen Sozialen Jahr ausgerechnet für Bosnien-Herzegowina entschieden?

Johannes Gereons: Wenn ich ehrlich bin, habe ich vor einem Jahr noch fast nichts über das Land gewusst. Ich konnte noch nicht einmal auf Bosnisch bis drei zählen. Vielleicht war genau das der Grund: Ich wollte etwas erleben, von dem ich nicht wusste, wie es werden würde. Ich kann jetzt schon sagen, dass dies eine der besten Entscheidungen meines Lebens war.

Du arbeitest als Freiwilliger in einem Kinderheim in Sarajevo. Wie erlebst du diese Arbeit?

Ich hole die Kinder von der Schule ab, mache mit ihnen Hausaufgaben, male Bilder, spiele Schach, quatsche, singe, lache und verbringe meinen Tag mit ihnen. Bevor ich aufbrach, war ich der Meinung, ich könnte den Menschen hier ganz viel geben. Mittlerweile habe ich eingesehen, dass ich viel mehr zurückbekomme: Motivation, Freude, Erkenntnis und Erfüllung. Am Ende bin ich nur ein kleines Teil, eine Brücke zwischen Menschen auf dem Weg zur „Einen Welt“.

Was sind die amüsantesten Unterschiede zwischen Bosnien und Deutschland?

Als ich zum ersten Mal in der Tram das Fester öffnete sagte mir eine Frau, ich solle es wieder schließen, weil der Durchzug uns töte. Ein Getränk wird, egal wie warm es ist, grundsätzlich ohne Eis serviert, denn Eis macht krank, wie der Volksmund weiß (genauso wie schlechtes Wetter – dann sind Bus und Bahn plötzlich ganz leer). Amüsant ist auch, dass die älteren Generationen sagen, Haare waschen zerstöre die Haare, sodass es höchstens zweimal in der Woche empfohlen wird. Angesichts dieser Weisheiten stelle ich mir immer wieder die Frage, wie ich die letzten 19 Jahre ohne größere Schäden (und mit beachtlich vielen Haaren) überstehen konnte.

Welche Sätze braucht man als Ausländer in Bosnien zum Überleben?

Am wichtigsten ist es wohl, auf die Frage, ob man Bosnisch spreche, „Samo malo.“ antworten zu können. Ansonsten ist es immer gut, bei neuen Bekanntschaften ein „Volim nogomet“ loszuwerden. Und mit „Molim vas, dvije rakije“ zwei Rakija bestellen zu können.

Du hast auf deiner Facebook-Seite geschrieben, dass du Vegetarier bist. Wie kommt man im Fleisch-Land Bosnien durch?

Mein vegetarisches Essverhalten ist gegen alle Erwartungen kein großes Hindernis. Die bosnische Küche bietet viele Alternativen. Meine Nachbarin erklärt mir trotzdem bei jedem Treffen, dass ich zu schwach sei und die Kinder in meinem Projekt haben mich letztens nach dem Wort dafür gefragt, wenn man kein Fleisch isst.

Was ist dein bosnisches Lieblingsessen?

Ich habe mich so an Pita und Kifla gewöhnt, dass ich mittlerweile vor und nach der Arbeit noch bei der Pekara vorbeischaue. In Deutschland, so sagt man, gebe es das beste Brot, aber ich finde, das bosnische Gebäck steht dem deutschen in nichts nach.

Welche Deutschen-Klischees hast du als „Schwabo“ kennengelernt?

Grundsätzlich werde ich schon von weitem als Ausländer entlarvt. In Cafés werde ich fortwährend auf Deutsch angesprochen, egal, wie viel Mühe ich mir mit meinem Bosnisch gebe. Obwohl ich ehrenamtlich arbeite und kein Gehalt bekomme, scheinen viele Menschen zu glauben, ich könnte ihnen zum großen Geld verhelfen. Dadurch habe ich schon den einen oder anderen Heiratsantrag bekommen.

Und wie findest du die bosnischen Frauen?

Die typische bosnische Frau ist zuerst einmal größer – was wahrscheinlich daran liegt, dass sie auch auf dem Weg zum Bäcker hohe Schuhe trägt. Sie achtet sehr auf ihr Äußeres und definiert ihre Schönheit scheinbar aus der Summe ihrer Absatzhöhe und der Größe ihrer Ohrringe. Hat man das aber durchschaut, merkt man, dass sie sowohl Charme als auch Humor besitzt und eine innere Schönheit ausstrahlt, die noch hübscher als ihr Äußeres ist.

Du bist Musiker. Hörst du auch Balkan-Musik?

Die Balkan-Musik war einer der Gründe, warum ich meinen Dienst hier absolviere. Ich höre gerne Severina, Dino Merlin, Željko Joksimović oder Sergej Ćetković. Selbstverständlich bin ich auch Fan von Dubioza Kolektiv, die ja schon zum bosnischen Kulturgut gehören. Mein momentanes Lieblingslied ist aber „Brzina“ von Cvija, das singe ich rauf und runter mit den Kindern. Ich finde, sowohl die folkloristische als auch moderne Balkanmusik unglaublich spannend und hoffe, dies auch in meine Musik integrieren zu können.

Es gibt ein Youtube-Spot mit deiner eigenen Musik und einem Video, das du in Bosnien aufgenommen hast. Was inspiriert dich an dem Land?


Für mich hat Bosnien eine ganz besondere Magie. Seitdem ich auf dem Berg Vranica bei Fojnica war, lässt mich die Natur nicht mehr los. Bosnien steht für mich für Freiheit und Weite. Kommt man in eine bosnische Stadt, dauert es nicht lange, bis man auf einen Kaffee oder Rakija eingeladen wird. Man lernt Orte und Menschen kennen, die man so schnell nicht vergisst. Man kann gar nicht anders, als sich in Land und Leute zu verlieben.

Interview: Ljubiša Buzić / KOSMO

Johannes Gereons teilt seine Musik und seine Erfahrungen in Bosnien-Herzegowina auf Facebook.

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