INTEGRATION 24.06.2014

Vereinsamte Österreicher – isolierte Türken

© Buzić
Die Stimmung in der Integrationsdebatte ist derzeit so aufgeheizt wie lange nicht. Wir haben uns im Bezirk Favoriten, einem der sozialen Brennpunkte Wiens, umgesehen – ein Lokalaugenschein.


Der Wiener Bezirk Favoriten gilt als sozialer Brennpunkt. Mit 170.000 Einwohnern würde der Bezirk die viertgrößte Stadt Österreichs ausmachen. Hier findet man Friseurgeschäfte, auf deren Ladenschildern neben Deutsch auch Türkisch oder Bosnisch/Kroatisch/Serbisch ganz normal ist.

Auf der Favoritenstraße, auf der Höhe des Viktor-Adler-Marktes, hat die SPÖ Wien einen Stand aufgestellt. Es ist Montag Vormittag dieser Woche, und die Straße ist gut besucht. Etwa ein halbes Duzend SPÖ-Mitarbeiter und Bezirksvertreter in roten Westen ist ausgeschwärmt, um Broschüren und kleine rote Päckchen mit Studentenfutter zu verteilen und die Bevölkerung über die aktuelle Bildungsoffensive der SPÖ zu informieren.

Doch über kostenlose Kindergärten, neue Lehrstellen und Studienplätze will von den Passanten kaum einer sprechen. Die einzigen, die an diesem Vormittag stehenbleiben, sind Pensionisten, und die haben ganz andere Probleme, über die sie reden wollen: „Seit 87 Jahren lebe ich in Favoriten“, wird eine alte Frau richtig lebhaft. „Aber so schlimm war es noch nie“. Auf eine Nachfrage, was genau schlimmer geworden sei, wird sie noch emotionaler: „Na, die Ausländer“, sagt sie. „Hier stinkt es bis zum Himmel!“.

Seelsorge auf der Straße

Die Ausführungen der 87-Jährigen werden noch blumiger – in konkrete Nachfragen lässt sie sich trotzdem nicht verwickeln. Das ist auch die Erfahrung von SPÖ-Mitarbeiter Jakob Linke. „Wenn man nachfragt nach den spezifischen Problemen mit den Zuwanderern, kommt leider oft nichts Konkretes“, erklärt Linke, der regelmäßig Informationsmaterial in allen Bezirken verteilt.

Als sich die 87-Jährige abwendet, nähern sich zwei ältere Damen und eröffnen gleich ein Gespräch über die gestrige ORF-Sendung, die sich mit den Türken in Österreich und dem Besuch des türkischen Premierministers Erdogan beschäftigt hat. Die Emotionen gehen hoch. „Die kommen zu uns und denken die, dass sie alles dürfen“, sagt eine der beiden Damen.

Wenn man die SPÖ-Gruppe beim Verteilen der Broschüren in den Gesprächen beobachtet, hat man den Eindruck, dass sie eher die Funktion von Seelsorgern haben. Nicken, Verständnis zeigen, beschwichtigen und dann versuchen, ein paar eigene Argumente unterzubringen. Wie viel davon wirklich ankommt, ist fraglich.

Alles nur eine Frage der Kommunikation?

Die Probleme im Zusammenleben kennt Eva Zolcher sehr gut. Sie ist SPÖ-Bezirksrätin in Favoriten und das, was man eine „g’standene Wienerin“ nennen würde. Abgesehen von ihrer politischen Funktion ist Zolcher auch als Hausbesorgerin tätig, kommt aus einer Arbeiterfamilie und kennt den Bezirk und auch „ihre Türken“. Woher die Probleme im Zusammenleben kommen? Kurz zusammengefasst: Verständigungsprobleme gibt es überall wo Menschen zusammenkommen, selbst wenn sie dieselbe Sprache sprechen, so Zolcher.

Trotzdem seien sprachliche Barrieren ein großes Problem. Vor allem die ältere Generation der türkischen Zuwanderer sei hier weniger gut integriert. „Wenn ich mit jemand rede und der nur ‚Ja, ja, ja‘ sagt, dann weiß ich gleich, dass er mich nicht versteht“, sagt sie mit einem nachsichtigen Lächeln. 

Isolation auf beiden Seiten

Auch auf Seiten der alteingesessenen Österreicher seien es auch vorwiegend die Älteren, die mit Beschwerden auf sie zukommen, bestätigt Jakob Linke, der sich regelmäßig an solchen Informationskampagnen in Wiens Fußgängerzonen teilnimmt. Mit dem Infostand will man an diesem Tag zwar über die Bildungsoffensive informieren, genutzt wird er aber eher von den Alten, die jemanden brauchen, der sich ihre Sorgen anhört.

„Viele der alten Leute haben wenig sozialen Kontakt. Dadurch werden einzelne negative Erlebnisse überspitzt“, erklärt Linke die Spannungen. Das habe aber vor allem mit dem großstädtischen Leben zu tun, ist der junge Tiroler überzeugt.

Hier auf der Favoritenstraße bietet sich dem Beobachter ein paradoxes Bild: Auf der einen Seite stehen die oftmals sozial isolierten Österreicher der älteren Generation, die ihre Funktion in der österreichischen Gesellschaft verloren haben – auf der anderen Seite Zuwanderer, die ihre Rolle in der Gesellschaft oft nicht finden können. Wen wundert es da, dass das Zusammenleben nicht so richtig klappen will? Vielleicht gilt es zu überdenken, welche Bevölkerungsgruppen gemeint sind, wenn man von Integration spricht.

Mittlerweile hat unsere 87-jährige Gesprächspartnerin von vorhin ein paar Meter weiter neue Gesprächspartner gefunden. Offenbar erfüllt die heutige Aktion immerhin eine soziale Funktion für sie.

Ljubiša Buzić / KOSMO

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