INTERVIEW 31.10.2013

Verein ZARA: „60 Prozent der Österreicher mögen keine Ausländer“

© ZARA
Nach den rassistisch motivierten Gewalttaten gegen einen türkischen Kulturverein in Wien sprachen wir mit Claudia Schäfer vom Verein ZARA (Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit) über die besorgniserregende Lage in Österreich.


Vor vier Tagen stürmten 30 bis 40 Männer einen türkischen Kulturverein im Wiener EKH (Ernst-Kirchweger-Haus) und verletzten neun Personen (Siehe KOSMO-Kommentar von Chefredakteur Nedad Memić). Wir haben mit Claudia Schäfer, Geschäftsführerin des Vereins ZARA - Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit, über Rassismus in Österreich gesprochen:

KOSMO: Die Vorfälle im EKH waren schockierend. Nehmen solche Gewalttaten gegen Zuwanderer in Österreich zu?


Claudia Schäfer: Generell kann man sagen, dass es in den vergangenen Jahren immer schon Gewalttaten gegen Personen nicht-österreichischer Herkunft gegeben hat,  seien es die Briefbombenattentate oder der Mordversuch an einer rumänischen Familie am Tag des Breivik-Attentats in Traun. Dieses Jahr nehmen wir eine Zunahme an rassistischer Gewalt gegenüber Frauen war. Besonders zu erwähnen wäre hier der Mordversuch an einer schwarzen Frau, die im Jänner von einem Mann auf die U-Bahngleise gestoßen wurde und fast überfahren worden wäre. Aber auch weniger brutale Fälle sind fester Bestandteil des Alltags, Personen nicht Österreichischer Herkunft werden beschimpft und geschlagen, da scheint die Hemmschwelle sehr gering zu sein.

Haben die jahrelangen rassistischen Provokationen der rechten Parteien zu einer Abstumpfung der Öffentlichkeit gegenüber Rassismus geführt?

Meiner Ansicht nach hat vor allem die Regierungsbeteiligung der FPÖ dazu beigetragen, dass rassistische Slogans und Ausländerhass salonfähig wurden. PolitikerInnen haben ja auch immer eine Vorbildfunktion für die BürgerInnen: „Was die dürfen darf ich auch.“ Wenn dann Personen am Stammtisch wie Strache  oder Gudenus argumentieren, darf man sich nicht wundern.

Was wäre ein klares Signal der Politik gegen Rassismus – gerade angesichts der jüngsten Ereignisse?

Das würde anfangen bei der klaren Bezeichnung des rassistischen Motivs dieses Anschlages –das wäre ein Zeichen, dass Behörden und Politik diese Problematik ernst nehmen. Pressemeldungen, in denen rumgeeiert wird zwischen „Das war ein kommunistischer Verein, daher könnte es sich um eine politisch motivierte Tat handeln“ tragen dazu nicht bei. Auch klare Botschaften seitens der Regierung, in denen solche Taten verurteilt werden und sich die PolitikerInnen mit den Opfern solidarisch erklären und ihre Unterstützung anbieten, wären ein positives Signal.

Wie ist die Lage in Österreich verglichen mit anderen europäischen Ländern?

Österreich liegt laut aktuellen Studien zum Thema Fremdenfeindlichkeit, Migration oder auch den Holocaust betreffend im traurigen europäischen Spitzenfeld. Hier geben mitunter weit über 60 Prozent der befragten Personen an, keine Ausländer zu mögen, oder leugnen zumindest teilweise den Holocaust.

ZARA hat sich stark mit dem vergangenen Wahlkampf auseinandergesetzt? Was sind die Ergebnisse?

Wir haben bei der clean politics-Kampagne von den KandidatInnen Bekenntnisse zu einer diskriminierungsfreien Politik eingeholt, und waren sehr erstaunt, dass das viel leichter ging als noch vor zwei Jahren. Damals haben sich weitaus weniger PolitikerInnen spontan zu  den Forderungen bekannt und eine Unterstützungserklärung abgegeben. Das hat uns allerdings auch skeptisch gemacht: Wenn alle so eindeutig gegen Rassismus sind, warum ist die Politik dann trotzdem so rassistisch? Einige, die ja gesagt haben, haben zum Beispiel die Rot-Weiß-Rot Card mitverabschiedet, und die ist ein Musterbeispiel für institutionelle Diskriminierung.  

Welche Menschen sind ist von rassistischen Angriffen besonders gefährdet? Sind alle Zuwanderer gleich stark von Rassismus betroffen?

Unserer Wahrnehmung nach, und hier können wir lediglich auf die uns gemeldeten Fälle verweisen, sind besonders Personen mit dunkler Hautfarbe und Personen, die dem arabischen Sprachraum bzw. dem Islam zugeordnet werden, von rassistischer Diskriminierung betroffen.

Wer kann und soll sich an ZARA wenden?

An unsere Beratungsstelle können sich alle wenden, die selbst Opfer eines rassistischen Vorfalls geworden sind, aber auch alle, die einen Vorfall beobachtet haben. Unsere Beratungsleistung ist kostenlos und vertraulich und wir geben natürlich auch keine Informationen über unsere Klienten an Dritte weiter. Personen, die sich an uns wenden können sicher sein, dass wir ihnen zuhören, eine Einschätzung der Lage abgeben können und die weitere Vorgehensweise mit ihnen besprechen und sie dabei unterstützen.  

Interview: Ljubiša Buzić / KOSMO

Weiterführende Links:
Verein ZARA - Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit
KOSMO-Kommentar: Worte und Taten

Aktuelle Ausgabe

Aktuelle Ausgabe als PDF zum Nachlesen

COVER STORY:
Österreichs Beschützer
INTERVIEW:
Rap-Legende Juice
REPORTAGE:
Teure Geburstage

Zusendung

Lassen Sie sich KOSMO bequem nach Hause zusenden! Versandkostenbeitrag nur 11,- EUR (10 Ausgaben).
Zum Bestellformular

Facebook