BOSNISCH/KROATISCH/SERBISCH 30.06.2014

„Unsere Sprachschatzkiste“

© Alexander Schuppich / KOSMO
KOSMO besuchte die Handelsschule des bfi Margareten, an der man seit drei Jahren Bosnisch/Kroatisch/Serbisch (BKS) als zweite lebende Fremdsprache lernen kann. Im Juni fand hier die erste BKS-Matura statt.


Die 16-jährige Hatce stammt aus der Türkei und lernt seit einem Jahr Bosnisch/Kroatisch/Serbisch als zweite lebende Fremdsprache an der HAK/HAS des bfi Margareten. Hatice will statt Französisch oder Italienisch lieber die Sprache ihrer besten Freundin Aleksandra lernen, die aus Serbien stammt. „Ich habe zum ersten Mal mit Aleksandras Mama serbisch gesprochen. Sie fand das sehr lustig, weil ich nicht alles richtig aussprechen kann“, erzählt die Jugendliche.

War der BKS-Unterricht früher nur auf Kinder mir Wurzeln im ehemaligen Jugoslawien beschränkt, und zu den freien Fächern am späteren Nachmittag verbannt, so kann er heute als normales Unterrichtsfach gewählt werden, in dem man sogar die mündliche Matura ablegen kann. „Wir haben in jeder unserer BKS-Klassen zumindest zwei bis drei Schüler, die keine Muttersprachler sind“, kann auch Evelyn Woplatek bestätigen. Die 29-jährige Österreicherin hat neben Bosnisch/Kroatisch/Serbisch auch noch Russisch studiert und während ihres Studiums Auslandssemester in Belgrad und Zagreb verbracht. Dass sie selbst keine Muttersprachlerin ist, sieht sie auch als Vorteil. „Ich glaube, dass es fürs Unterrichten hilfreich sein kann, dass man die Sprache selbst erst lernen musste“, erklärt Woplatek. Ein weiterer Vorteil ist, dass sie keinem der drei Sprachstandards einen Vorzug gibt, da sie selbst aus keinem der Länder stammt. „Außerdem glaube auch, dass das viele als Aufwertung ihrer Sprache empfinden, wenn sie sehen, dass jemand anderer diese Sprache lernt“, meint die Lehrerin. 

Interkulturelle Kompetenz lernen

Ähnlich sieht es auch die Direktorin, Prof. Mag. Helga Wallner. „Wir bezeichnen unsere Schule gerne als unsere Sprachschatzkiste, weil hier rund vierzig Sprachen gesprochen werden“, sagt Wallner. „Viele unserer Schüler bringen neben Deutsch auch eine zweite Sprache mit, so dass sie, wenn sie uns verlassen oft vier Sprachen mitnehmen“, erklärt die Direktorin. Die interkulturelle Kompetenz werde quasi automatisch erworben und in die Gesellschaft hingetragen.

Die bfi Margareten ist eine kaufmännische Schule, auf der man einen Abschluss der Handelsakademie oder der Handelsschule machen kann. Knapp 1.400 Schüler und 130 Lehrer gehen hier täglich ein und aus. Seit drei Jahren wird hier neben Französisch und Italienisch auch Bosnisch/Kroatisch/Serbisch als zweite Fremdsprache angeboten. Rund 55 Schüler in vier Klassen haben von dem Angebot bisher Gebrauch gemacht.

Lehrerin, Bankbeamtin, Interpol-Agentin

Die meisten der Schülerinnen und Schüler, die sich für BKS entscheiden, hoffen, ihre Sprachkenntnisse später im Berufsleben einsetzen zu können. Matea, deren Familie aus Kroatien kommt, möchte später einmal als Bankkauffrau arbeiten. Kroatisch möchte sie daher nicht nur als Umgangssprache, sondern auch im Schriftverkehr gut beherrschen. Die ebenfalls kroatischstämmige Magdalena überlegt sich eine spätere Ausbildung als Lehrerin. Aber was sie besonders reizen würde, wäre eine Karriere bei Interpol. „Ich bin mehr der Action-Typ“, sagt sie, und ein paar ihrer Freundinnen nicken zustimmend. Viele Sprachen zu können, wäre bei beiden Berufen von Vorteil.

Die größten Probleme, die bosnische, kroatische und serbische Schüler haben, die in Österreich aufgewachsen sind, sind die Grammatik und eine sehr umgangssprachlich geprägte Sprache. Generell ist die Lehrerin erstaunt, wie viel sie den Jugendlichen über ihre eigenen Länder beibringen kann. „Mit einer zweiten Klasse haben wir viel über Geografie gelernt und über die Hauptstädte. Aber bei historischen Themen kann es schon brenzlig werden. Da können sich sogar beste Freundinnen auf einmal zerstreiten“.

Insgesamt kann man sich den Unterricht wie in jeder anderen Fremdsprache vorstellen. Es gibt regelmäßige Schularbeiten, Referate und Hausübungen. Aber ebenso werden Ausflüge gemacht oder Gäste in die Klasse eingeladen, wie etwa die in Wien lebende Schriftstellerin Ana Bilić. „Oder man geht einfach einmal gemeinsam Ćevapčići essen“, fügt die Lehrerin schmunzelnd hinzu. Und für Ende nächsten Jahres ist eine Sprachreise nach Kroatien geplant. „Die Schüler fragen schon alle zwei Wochen, wo genau es hingeht“.

Noten werden nicht verschenkt

Dass es sich bei BKS um ein vollwertiges Unterrichtsfach handelt, ist der Lehrerin wie auch der Direktorin wichtig zu betonen. „Bloß weil es für neunzig Prozent der BKS-Schüler die eigene Muttersprache ist, heißt das nicht, dass sie hier etwas geschenkt bekommen“, erklärt Woplatek. Im Juni fand hier die erste Berufsreifeprüfung statt. Ebenso wie mit der AHS-Matura kann man sich mit der Berufsreife für eine weiterführende höhre Ausblidung qualifizieren. Von neun Prüflingen wurden drei mit Gut und eine die mit Befriedigend benotet. Die übrigen schlossen mit einem Sehr gut ab.

Eine der ersten, die in diesem Juni eine Maturaprüfung in Bosnisch/Kroatisch/Serbisch abgeschlossen hat ist Sara Spasojević. Am bfi hat sie die Berufsreife gemacht, um studieren zu können. Die 19-Jährige ist in Wien aufgewachsen, der Vater ist Serbe, die Mutter Rumänin. Die eigenen Serbischkenntnisse habe sie immer als unzureichend empfunden. Deshalb habe sie sich auch für Serbisch als Fremdsprache und als Maturagegenstand entschieden. Durch den Unterricht hat sie auf jeden Fall Selbstvertrauen in ihre eigenen Sprachkenntnisse gewonnen. „Ich finde, BKS sollte viel mehr beworben werden“ Die erste, die sich nach der bestandenen Prüfung angerufen hat? „Natürlich die Mama“,  strahlt die frischgebackene Maturanten.

Ljubiša Buzić / KOSMO

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