BALKAN-CONNECTION 26.01.2015

Unser Mann im Gerichtssaal

© zVg.
Wenn Bosnier, Kroaten oder Serben vor Gericht stehen und die Anwälte nichts verstehen, kommt er ins Spiel. Blago Vukadin arbeitet als Gerichtsdolmetscher und muss manchmal erklären, dass eine Morddrohung nicht gleich eine Morddrohung ist.


KOSMO: Wie wurden Sie Gerichtsdolmetscher?

Blago Vukadin: Eigentlich so nebenbei. Ich begann mit der Übersetzung von Gedichten, danach übersetzte ich für Firmen alles Mögliche. Bis ich darauf kam, dass man als Gerichtsdolmetscher den einen oder anderen – damals noch Groschen - dazu verdienen kann.

Also kann nun jeder, der zwei Sprachen spricht, vor Gericht oder Behörden übersetzen?

Nein. Eine professionelle Übersetzung ist äußerst wichtig! Es wäre verantwortungslos Laien einzusetzen, da oft die Schicksale der Menschen an den getroffenen Entscheidungen hängen. Es geht immerhin um Scheidungen, Schadenersatzzahlungen und nicht zuletzt um Freiheitsstrafen. Daher ist es wichtig, dass man als Medium zur korrekten Übertragung der Informationen zwischen den Verfahrensseiten dient. Dazu kommen die notwendigen Kenntnisse über den Ablauf eines Verfahrens, rechtliche Kenntnisse und die Erfahrung mit Leuten aus einem bestimmten Kulturkreis. Es ist mehr Verantwortung im Spiel als beispielsweise beim Übersetzen eines Vertrags oder Gedichtes.

Was sind die Herausforderungen am Übersetzen vor Gericht?

Man sollte sich seiner Rolle als reines Hilfsmedium bewusst sein und nicht irgendwelche eigenen Interpretationen in das Gesagte und Geschriebene hineinfließen lassen. Andererseits gibt es  Redewendungen, welche nicht wortwörtlich übersetzte werden können. So ist es z.B. in Bosnien üblich, dass die Eltern ihren Kindern oft mit dem Satz: „Ubit ću te, ako...“ drohen. Wortwörtlich heißt das „Ich bringe dich um, wenn…“. Natürlich drohen die meisten Eltern ihrem Kind nicht mit dem Umbringen.  Da muss man als Dolmetscher schon erkennen, ob das Gesprochene so wie es klingt gemeint wurde, andererseits darf man nicht jedes „Ich bringe dich um“ als Lappalie abhacken. 

Gibt es Unterschiede in der Übersetzung zwischen Bosnisch/Kroatisch/Serbisch?

Da kann ich nur schmunzeln. Ich musste zwar dreimal zur Prüfung antreten, aber bin der Meinung, dass leider sehr viel Nationalismus in die Sprache(n) verpackt wurde. Obwohl die arme Sprache nichts dafür kann. Aber ja - es gibt Unterschiede, diese sind jedoch nicht sehr groß und durchaus mit den verschiedenen österreichischen Mundarten vergleichbar.

Wegen welchen Angelegenheiten stehen Ex-Jugoslawen meist vor Gericht?

Um ehrlich zu sein, die Ex-Jugoslawen die in Österreich leben haben meist dieselben Probleme oder Bedürfnisse, wie die „echten“ Österreicher. Es gibt aber, ich vermute aufgrund der miserablen Wirtschaftslage am Balkan,  bei der genannten Bevölkerungsgruppe mehr Vermögensdelikte, als bei den Menschen die hierzulande leben und arbeiten.

Gibt es Klischees über die BKS-Community die sich vor Gericht bestätigen?

Oh ja! Emotionalität, für gewöhnliche Mitteleuropäer übertriebene, gehört sicherlich dazu. Vor allem wenn der Ex-Jugoslawe mit Gott, Kindern oder Gesundheit zu schwören beginnt.  Hinzu kommt lautes Argumentieren, Schluchzen oder auch Jubeln. 

An welchen Fall erinnerst sie sich besonders gut?

Als eine einmalige Taschendiebin „nur“ bedingt verurteilt wurde. Sie hatte sofort alles zugegeben und wollte nur nach Hause zu ihrer Familie. Familienverbundenheit ist wohl auch eines der erfüllten Balkanklischees.  Als sie dann erfuhr, dass sie nicht ins Gefängnis muss,  ist sie aufgesprungen und konnte nicht aufhören sich bei der Richterin, dem Staatsanwalt und ihrem  Verteidiger zu bedanken. Sie ist ihnen fast um den Hals gefallen. Diese Erinnerung bringt mich heute noch zum Lachen.

Interview: Anna-Magdalena Druško / KOSMO

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