KOMMENTAR 21.02.2014

(Un)erwünschte Mehrsprachigkeit

© zVg.
Den wenigsten ist bekannt, dass hinter dem Internationalen Tag der Muttersprache ein blutiges Massaker im Kampf um die Erhaltung der Muttersprache liegt. Heute bedrohen Assimilation und Populismus unsere Mehrsprachigkeit.


Der 21. Februar ist ein historisches Datum, das den Wenigsten bekannt ist. Hinter dem harmlos klingenden Gedenktag steht ein blutiges Massaker, das sich heute vor genau 62 Jahren ereignete. Am 21. Februar 1952 hatte sich eine Menschenmenge in der Dhaka in Ost-Pakistan, dem heutigen Bangladesch, versammelt, um für den Erhalt ihrer Sprache zu demonstrieren.  Zuvor hatte die Regierung angekündigt, die Sprache Urdu zur offiziellen Amtssprache zu  erklären, obwohl die überwiegende Mehrheit der Menschen im Land Bengali sprach. Die Obrigkeit ging an diesem Tag gegen die Demonstrierenden vor, es gab zahlreiche Tote und Verletzte.

Die Hälfte der Sprachen stirbt aus

Im Jahr 2000 erklärte die UNESCO den 21. Februar zum Internationalen Tag der Muttersprache. Er sollte daran erinnern, dass heute gut die Hälfte der weltweit gesprochenen Sprachen vom Aussterben bedroht ist. Jede zweite Sprache wird von weltweit weniger als 10.000 Menschen gesprochen, ein Viertel sogar von weniger als 1.000.

In unseren Breitengraden ist die Sprachenvielfalt zum Glück nicht durch Gewalt bedroht. Aber dafür durch Vorurteile und Populismus. Wenn die Zeitungen wieder einmal titeln, dass die Hälfte der Wiener Schüler eine nicht-deutsche Umgangssprache hat, sollte man bedenken, dass das auch bedeutet, dass die Hälfte der Wiener Schüler auch mehrsprachig ist. Während in das Erlernen etablierter Sprachen wie Englisch oder Französisch viel Zeit und Ressourcen investiert werden, liegen die  Potenziale, die Zuwanderer mitbringen, weiterhin brach. Das fängt bei einfachen Dingen an, wie der fehlenden Möglichkeit, seinen Namen mit den korrekten Buchstaben der eigenen Landessprache zu schreiben, und endet bei jungen Menschen, die weder in ihrer eigene Muttersprache, noch in der Sprache des Landes in dem sie leben ihr volles Potenzial entfalten können.

Vielleicht sollte man neben einem verpflichtenden (ersten oder zweiten) Kindergartenjahr an ein verpflichtendes Jahr der Muttersprache denken. Aber Initiativen, die auf eine einseitige Anpassung der Einwanderer abzielen, lassen sich wohl besser an das Wahlvolk verkaufen, als die Erhaltung und Förderung von Pluralität.

Ljubiša Buzić / KOSMO


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