SATIRE 21.02.2014

Tough Love – Ich und die SM-Abteilung 35

© zVg.
Der Autor und KOSMO-Redakteur Uroš Miloradović schreibt Geschichten "aus dem kurzsichtigen Winkel":


„Es war immer wohlbekannt, dass Wien eine Welthauptstadt der klinischen Erotik ist“, hieß es im Katalog einer Ausstellung, die ich bei meinem ersten Besuch in Wien angesehen habe.

Ich stellte mir diese „klinische Erotik“ im Einsatz vor: eine bizarre Breugel-Szenerie, Patienten in Wundverbänden, Morgenmänteln und Pantoffeln, die in erregter Ekstase auf den Krankenhausgängen über einander herfallen, sich in den Abstellkammern zwischen Besen abknutschen und in den Büschen der Krankenhausparks sexuelle Erleichterung suchen.

Es gibt in Wien aber noch viele andere erotische Interessen in deren Erforschung man eintauchen kann wie ein Schwimmer ins offene Meer. Zum Beispiel fand ich sehr schnell heraus, dass es einen echten Genuss, ja sogar einen Segen  darstellte, ein Ausländer und Masochist in Österreich zu sein.

Nehmen wir die MA 35, das Amt für Einwanderung und Staatsbürgerschaft. Dieses städtische Magistrat sollte man in Sado-Maso-Amt umbenennen – SM-Abteilung 35. Hier kann man wirklich die süßesten Demütigungen erleben. Alle Angestellten sind aufs beste trainiert und wissen wohl, dass alles in einem geschickt geführten Vorspiel liegt, welches Präzision, Strenge und Disziplin anfordert. Eine gewisse Ungewissheit ist dabei auch sehr wichtig – sogar wenn alles in Ordnung zu sein scheint, ein gewöhnlicher Antragsteller darf nie mit hundertprozentiger Sicherheit wissen, ob alle nötige Unterlagen vorhanden sind oder ob irgendein Gesetz nicht gestern zu seinen Ungunsten geändert wurde.

Der Tanz mit der Verwaltung und ihren mechanischen Beamten löst beim Masochisten ein lustvolles Gefühl der Spannung aus. Der Gnade und Ungnade des Bürokraten, den Schrauben, Hebel und Zahnrädern des staatlichen Apparats ausgesetzt, brennt der Masochist mit der Flamme einer religiösen Ekstase, wie Teresa von Avila. Wenn aber einmal das Ziel erreicht ist und er seine Aufenthaltsbewilligung bekommen hat – die fällt die Spannung von ihm ab. Post coitum omne animal triste est.

Da sich dieses Prozedere, zumindest am Anfang, nur im jährlichen Takt wiederholt (später, leider Gottes, noch seltener), und da das Leben ohne solchen Stimulation reizlos, langweilig und blass ist, wird der Masochist bald traurig und mürrisch. Weil ein Leben ohne MA 35 kein Leben ist. Weil ein Leben ohne MA 35 einem ausgetrunkenen Glas ähnelt, einer ausgeleerten Hülle und verwelkten Blume. Einer Pralinenschachtel, deren Verpackung von rücksichtlosen Händen aufgerissen und deren süßer Inhalt  vernichtet wurde. Einem Kamin, dessen Glut mit einem Schüssel unbarmherzigen Wassers getötet wurde.

Das Internet, unterdessen, bietet eine Lösung des Problems.

Ich sitze am Tisch einer unbekannten Wohnung. Mir gegenüber eine beleibte Dame. Das Fenster hinter ihrem Rücken verwandelt ihren enormen Schatten in ein gigantisches Zelt.

Sie heiße Frau Magister Fröhlich, so sagt sie, aber darüber bleibe ich im Ungewissen, weil es kein Namenschild an der Tür oder der Gegensprechanlage gibt. Obwohl alles in Voraus durch E-Mails vereinbart worden war, gehen wir noch einmal die Spielregeln durch. Das Szenario: wir befinden uns im Büro der MA 35. Sie ist eine Referentin – ich ihr Kunde, ein Ausländer. Aus der Tasche hole ich eine Mappe heraus und übergebe sie der Frau Magister. Mein Name steht in großer Druckschrift darauf geschrieben.

“Es wäre mir das Allerliebste, wenn sie mich am Ende mit der Mappe spanken, mir den Hintern versohlen, Frau Fröhlich.”

“Ich fürchte, sie ist zu leicht... Soll ich ein paar Magazine oder Zeitungen hinein geben? Nur der Effizienz halber...”, fragt Frau Fröhlich, als sie die Mappe misstrauisch inspiziert.

“Sie müssen nur überzeugend sein, sich einfühlen. Kurz und abgehackt spanken, aus dem Ellbogen. Das Gewicht ist schon in Ordnung...”

“Bereit?”

“Ein Moment, bitte...”

Aus der Tasche hole ich noch eine kleine Box mit Heftklammern, einen Behälter voll mit Kulis und auserlesenem Schreibzeug, einen Hefter und eine Kaffetasse in Rot-Weiß-Rot.

Ich dekoriere den Tisch, täusche eine Arbeitsatmosphäre vor.

Ich setze mich ruhig hin und verschränke die Hände in meinem Schoß. In Bild der Machlosigkeit.

Sie nickt und hebt die Augenbrauen.

„Was suchen Sie hier? Ich habe sie noch nicht aufgerufen. Bitte gehen Sie nach draußen und warten Sie bis ihr Name aufgerufen wird. Und klopfen Sie an!“

Mein Herz fängt an schneller zu schlagen. Ich fühle mich schon ein wenig schuldig. Ich muss auf jeden Fall bestraft werden.

Ich gehe aus dem Raum, schließe die Türe und warte.

Eine süße Gänsehaut läuft über meinen Körper.

MA35 - it''s like coming home.

Nur hier bin ich ein Ausländer, hier darf ich''s sein.


Uroš Miloradović / KOSMO


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