INTERVIEW 26.03.2015

„Sprachverbote richten nur Schaden an“

© Privataufnahme
Mehrsprachigkeit bei Schülern sorgt derzeit wieder für Diskussionsstoff. Nach dem Verbot der Muttersprache an einer Schule redeten wir mit der Sprachwissenschaftlerin Dr. Judith Purkarthofer vom Netzwerk SprachenRechte.


KOSMO: Wofür setzt sich das Netzwerk SprachenRechte ein?

Judith Purkarthofer: Wir sind eine Gruppe von ExpertInnen aus der Praxis und aus der Forschung und arbeiten daran, dass Sprache oder geringe Sprachkenntnisse nicht als Mittel des Ausschlusses verwendet werden. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn Aufenthaltstitel an Deutschkenntnisse geknüpft werden. Aber auch, wenn Kindern verboten wird, ihre Sprache in der Pause selbst zu wählen. Oder wenn fehlende Übersetzungen dazu führen, dass Asylsuchende keine für sie sehr relevanten Informationen bekommen. Das Netzwerk SprachenRechte setzt sich für das Grundrecht jedes Menschen auf Schutz und Förderung seiner sprachlichen Identität ein.
 
Was bedeutet sprachliche Identität eigentlich?

Menschen verwenden in ihrem Alltag viele verschiedene Sprachen oder Sprachformen - als Teil eines sprachlichen Repertoires, das sich aus unserer Biografie, unseren Erfahrungen und unseren Wünschen und Vorstellungen entwickelt. Wir sprechen zum Beispiel unterschiedlich, wenn wir uns mit Familienmitgliedern unterhalten, wenn wir bei Ämtern vorsprechen oder neue Menschen kennenlernen. Dennoch bleiben wir dabei immer auch bei uns selbst, und gestalten so unsere mehrsprachige Identität, in der auch Dialekte oder andere Sprachformen Platz haben.

Vor Kurzem sorgte eine Schule in Mödling für Aufregung mit dem Verbot von Muttersprachen in den Pausen und in privaten Telefongesprächen. Welche Botschaft sendet man hier an die Gesellschaft?

Wir als Netzwerk SprachenRechte sind ganz klar gegen Sprachverbote: Kinder haben ein Recht auf ihre Familiensprachen, und zwar darauf, diese zuhause und in der Öffentlichkeit zu gebrauchen. Und das gilt auch für die Schulpause. Wer das verbieten will, verstößt gegen geltendes Recht. Abgesehen davon, dass man mit so einem Verbot Menschen, die ihren Alltag in mehreren Sprachen bestreiten, unter eine Art Generalverdacht stellt.

Wie wirkt sich das auf die betroffenen Jugendlichen aus? Welche Folgen kann ein solches Verbot für die Betroffenen haben?

Wer Kindern ihre Sprachen verbietet, richtet Schaden an, denn für das Erlernen der deutschen Sprache braucht es ein solides Fundament in der Familiensprache. Außerdem tragen Sprachverbote dazu bei, dass Jugendliche sind nicht akzeptiert fühlen und dann auch leichter in Subkulturen abwandern: das ist auf jeden Fall ein Integrationshindernis.

Was halten Sie als von den Regierungsplänen, gesonderte "Vorbereitungsklassen" für Kinder mit Sprachdefiziten?

Aus den Prinzipien des Spracherwerbs wissen wir, dass Spracherwerb Zeit braucht. Und dass eine breite Palette von Angeboten (abgestimmt auf die Kenntnisse und Ressourcen der Lernenden) notwendig ist. Das widerspricht also genau den Regierungsplänen. Das Netzwerk SprachenRechte fordert daher integrierten Unterricht in möglichst kleinen Klassen für alle Kinder, mit dafür qualifizierten Lehrkräften. Muttersprachlicher Unterricht kann den Deutscherwerb der Kinder besonders dann gut unterstützen, wenn er in Dialog mit dem allgemeinen Unterricht stattfindet. Für alle Kinder, die mehr Förderung brauchen - unabhängig von ihrer Erstsprache - soll es unterstützende Angebote geben.

Warum sorgt Zweisprachigkeit in Österreich nach wie vor für so viel Kontroverse?

Ich denke, viele Probleme werden als Sprachproblem bezeichnet, obwohl andere politische Interessen dahinter stehen. Nicht umsonst wird besonders in Wahlkämpfen damit argumentiert. Und dann darf man nicht vergessen, dass manche Sprachkombinationen ja von denselben Personen wenig angefeindet werden (also zum Beispiel Englisch) – also kann es gar nicht wirklich ums Sprachenlernen gehen. Mehrsprachigkeit ist in Österreich, wie auch in den meisten anderen Regionen, Realität für viele Menschen. Daher brauchen wir gute Rahmenbedingungen und Fördermöglichkeiten. Und wir brauchen die Gelassenheit, miteinander zu kommunizieren und uns immer wieder auszumachen, in welchen Sprachen und Sprachformen das in diesem Gesprächsmoment geschieht.

Interview: Ljubiša Buzić / KOSMO

Dr. Judith Purkarthofer forscht und lehrt zum Thema Mehrsprachigkeit u.a. an der Universität Wien und setzt sich als Mitglied des Netzwerks SprachenRechte für Mehrsprachigkeit ein.

www.heteroglossia.net
www.sprachenrechte.at

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