INTEGRATION 13.06.2014

Sprachen zweiter Klasse?

© zVg.
Ein Kommentar zur aktuellen Debatte über die Einführung der Türkisch-Matura und den Wert der Migrantensprachen in Österreich.


Kürzlich erzählte mir eine Mitarbeiterin der Arbeiterkammer Wien, dass sie in ihren Bewerbungstrainings immer wieder Jugendlichen begegnet, die ihre Muttersprache nicht in ihren Lebenslauf schreiben. Offenbar sehen viele in Österreich aufgewachsene junge Menschen mit Migrationshintergrund ihre Muttersprache (oft ihre dritte oder vierte Sprache neben Deutsch) nicht als Qualifikation auf dem Österreichischen Arbeitsmarkt – ja, oft sogar als Hindernis bei der Arbeitssuche. Offenbar werden die Sprachen der Zuwanderer aus der Türkei, dem ehemaligen Jugoslawien oder anderen Staaten des Südens und Ostens immer noch als Sprachen zweiter Klasse gesehen - ein Gefühl, dass vielen Migranten nur zu gut vertraut ist.

Obwohl die Politik hier eine entscheidende Vorreiterolle spielen könnte, ist der aktuelle Trend eher enttäuschend: Während sich immer mehr Lehrer, Direktoren und NGOs sich für die Anerkennung der Migrantensprachen einsetzen, fehlt von der Bundesregierung immer noch ein klares Signal. Vizekanzler Spindelegger schiebt die aktuelle Debatte um die Türkisch-Matura auf den bevorstehenden Besuch des türkischen Premierministers Erdogan und möchte sich „nicht irgendeine Diskussion aufzwingen lassen“. Bundeskanzler Faymann zeigt an dem Thema wenig Interesse und will es an die zuständigen Stellen delegieren. Und selbst Sebastian Kurz, Bundesminister für Auswärtiges und Integration, bezeichnet es als "kein Thema, das wirklich große Bedeutung hat". Innenministerin Johanna Mikl-Leitner, die die Idee grundsätzlich befürwortet, möchte betonen, dass es sich dabei nur um Türkisch als zweite Fremdsprache handelt und nicht um eine Matura auf Türkisch. Ganz so als müsste man hier irgendeinen Schaden minimieren.

Angst vor der rechten Wählerschaft

Seit Jahren kennt die Integrationsdebatte in Österreich, zum großen Teil von rechten Angstfantasien dominiert, nur das Dogma des Deutschkurses. Dass das Erlernen, Pflegen und Wertschätzen der Migrantensprachen auch ein wichtiges Signal ist, setzt sich erst langsam durch. Auch bei der Einführung des Unterrichtsfachs BKS (Bosnisch/Kroatisch/Serbisch) vor drei Jahren, gab es Widerstände. In diesem Jahr haben die ersten Schüler in Bosnisch/Kroatisch/Serbisch maturiert. Österreich steht immer noch.

Den Wert der eigenen Sprache und Kultur lernt man in der Schule. Was in der Schule unterrichtet wird, hat auch einen Wert – so einfach ist das. Wie kann man aber von Zuwandereren Integration erwarten, wenn man nicht bereit ist, den Wert ihrer Muttersprachen anzuerkennen?

Heuer jährt sich der fünfzigste Jahrestag des Gastarbeiterabkommens zwischen Österreich und der Türkei. Im kommenden Jahr wird das fünfzigste Jubiläum des Abkommens mit dem ehemaligen Jugoslawien begangen. Das wäre eine gute Gelegenheit, einige Fehler der vergangenen Jahrzehnte auszugleichen.

Ljubiša Buzić / KOSMO

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