KOMMENTAR 26.09.2014

Sport am Balkan: In den Fängen des Nationalismus

© zVg.
Immer wieder passiert es am Balkan, dass sportliche Erfolge dem Nationalismus zum Opfer fallen. So auch beim kroatischen US-Open-Gewinners Marin Čilić dessen Siegesfeier mit dem Rechts-Rocker Thompson derzeit für Diskussionen sorgt.


Dieses Thema sorgt nun wieder für Diskussionen nachdem die Familie des kroatischen US-Open-Gewinners Marin Čilić den rechtspopulistischen Rocker Marko Perković Thompson zu seiner Siegesfeier lud. Gestern gab es in dieser Hinsicht ein Nachspiel: Der kroatische Tennisstar entschuldigte sich in einem Interview für ein serbisches Medium, dass durch den Thompson-Auftritt der Fokus nicht mehr auf den Sieg des jungen Sportlers war, sondern auf den Sänger, der zwar in Kroatien gleichzeitig ein Megastar ist, aber aufgrund von einigen Liedern aus den Neunzigern mehr als nur umstritten ist.

Obwohl Thompson selbst bei der Feier – wie erwartet - keines seiner umstrittenen antiserbischen Lieder brachte und gerade er der Autor der landesweit beliebten, inoffiziellen Fanhymne Kroatiens ist („Lijepa li si“), war wohl die Einladung zur Siegesfeier ein falsches Signal: Gerade Čilić hat sich mit seinen Tenniserfolgen viele Sympathien in den Nachbarländern erspielt, die er dadurch definitiv verloren hat.

Auch wenn die Familie Čilić privat gerne Thompson hört, hätte man sich das Ganze auch sparen können: Der Rocker, der balkanweit den kroatischen Nationalismus symbolisiert, stahl mit seiner Präsenz dem jungen Sportler nicht nur die Show und die mediale Aufmerksamkeit, sondern rückte einen international beachteten Erfolg in ein falsches Licht.

Geschmacklose Symbiose

Es ist nicht das erste Mal, dass bei Siegesfeiern von Sportlern ein überbordender Nationalismus am Balkan alles in den Schatten stellt. Immer wieder werden sportliche Erfolge von kroatischen, bosnischen und serbischen Sportlern auch für Wahlkampfzwecke und billige, aber scheinbar effektive Inszenierungen von Politikern genutzt. Dabei gibt es zwischen Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Serbien nicht wirklich Unterschiede.

Das Extrembeispiel dieser geschmacklosen Symbiose von Sport und Nationalismus war wohl der erste kroatische Präsident Franjo Tuđman, der seinerzeit als „Landesvater“ sogar Einfluss auf die Aufstellung des kroatischen Fußballnationalteams hatte, regelmäßig in der Spielerkabine auftauchte und große Empfänge für diese vorbereitete.

Genau aus diesen Gründen ist die Präsenz von Thompson bei der Čilić-Feier eher ein Schritt in die Vergangenheit als ein Schritt in die Zukunft. Und auch wenn man denkt, wir hätten die verhängnisvollen Neunzigerjahre hinter uns, taucht ihr Geist auch im Jahr 2014 leider immer wieder bei solchen Anlässen auf. Schade. 

Petar Rosandić / KOSMO

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