FUßBALL 04.04.2013

Spieler als Vorbilder für die Fans

© zVg
Unsere Journalistin Sanja Vlahović– Zajić verfolgte das Fußballspiel Kroatien-Serbien in der Ottakringer Straße. Leider nahmen, anders als die Spieler selbst, die serbischen und kroatischen Fangruppen in Wien das Match zum Anlass für kleinere Zwischenfälle.

Das KOSMO-Team hat sich entschieden, dass Fußballspiel zwischen Kroatien und Serbien Ende März in einigen Cafes auf der Ottakringer Straße zu verfolgen. Mehrere Tage vor der Begegnung forderten die beliebtesten Cafes ihre Gäste dazu auf, alle gemeinsam, unabhängig von ihrer nationalen Zugehörigkeit, das Spiel anzuschauen,  und schrieben das Wort „Respekt“ auf ihre Fahnen. Bis zum Anpfiff ist noch eine Stunde Zeit, und schon erwarten uns gleich am Anfang der Ottakringer Straße mehrere Polizeiwagen. Die Polizisten kommentieren, dass bisher alles in Ordnung sei, und nehmen Routinekontrollen vor, indem sie die Fans anhalten und nach pyrotechnischen Geräten, kalten und heißen Waffen durchsuchen. Sie sagen, dass die Situation ruhiger ist als in den vergangenen Jahren, aber uns scheint, dass es dennoch nicht so harmlos ist, wenn sie schon die Blauen zu dem „Fest“ schicken.

Wir gehen durch die Straße und stoßen auf Cafes voller Fans. Alle haben sich ihren Platz gesucht, und etwa zehn Minuten vor dem Anpfiff kann man vor lauter  Gedränge kein einziges Cafe mehr betreten. Wir bleiben beim ersten Cafe mit der Aufschrift „Respekt“ stehen, schauen und fragen die jungen Leute, die dort stehen, ob sie das Match zusammen anschauen. Lachend erwidern sie, dass sie die serbische Basis seien. Hundert Meter weiter ein anderes Cafe mit der Aufschrift „Respekt“. Auf die gleiche Frage erhalten wir die Antwort, dass hier nur Kroaten sind. Sie erklären uns auch, dass man hier sehr gut weiß, „wo wessen Platz ist“ und zeigen uns, wo die Grenze zwischen dem serbischen und dem kroatischen Teil der Straße verläuft. In anderen Kaffeehäusern das gleiche Bild – es herrscht nur eine Flagge vor. Im Vorbeigehen fangen wir einige Gespräche auf, man erwähnt auch Schlägereien nach dem Spiel, diskutiert, wo die meisten Polizisten stehen und wer was bei sich hat. Während wir stehenbleiben, um das Spiel zu sehen, kommt ein Junge von ca. zehn Jahren am Fotografen vorbei und fragt ihn auf Deutsch, woher er stammt. Aus Serbien? Auf das bestätigende Kopfnicken des Fotografen erwidert er: „Die Serben sind auf der anderen Seite!“ und schaut ungläubig, was der überhaupt vor einem kroatischen Cafe macht.

Die Trennlinie
Wir spazieren die Straße auf und ab und bemerken, wie sich die Stimmung mit dem Resultat auf dem Bildschirm drastisch ändert. Plötzlich verbietet man uns in einem serbischen Lokal das Fotografieren, und fast niemand schaut mehr auf das Spiel, sondern alle sind auf der Straße. Auch die Position der Polizeiwagen ändert sich, und es werden immer mehr, die sich an bestimmten Stellen gruppieren. Jetzt wird uns klar, dass die Geschichten von der „Grenze“ stimmen. Es laufen die letzten Minuten des Matchs und auf der Straße werden Barrikaden und ein Polizeikordon errichtet, alle sind in höchster Bereitschaft und sehen aus, als würden sie dieses Szenario bereits zur Genüge kennen. Mit dem Schlusspfiff fliegen die ersten Flaschen, Knaller und Leuchtraketen von der serbischen Seite. Die Polizei drängt sie zurück, doch von der anderen Seite kommen die kroatischen Fans.

Katz- und Mausspiel
Ein Kordon aus Spezialpolizisten steht zwischen ihnen, aber sie schreien darüber hinweg und beide Seiten provozieren, nennen einander Tschetniks und Ustaschasöhne. Wir kommen vorsichtig zu dem Schluss, dass es sich auf beiden Seiten um Kinder im Alter von 15 bis 20 Jahren handelt. Obwohl sie sich als Helden aufspielen, sieht man klar, welche Angst sie vor den Ordnungshütern haben. Die Spezialeinheiten haben genug von dem Katz- und Mausspiel und vergrößern den Abstand zwischen den beiden Gruppen routiniert, dann sperren sie die Straße. Bis sich die Situation beruhigt, kommt keiner weiter. Wir warten auf die Auflösung der Situation und sprechen mit einer wütenden Bewohnerin eines Gebäudes auf der Ottakringer Straße, die am Rand wartet, dass man sie in ihr Haus lässt. „Ich lebe schon über zehn Jahre hier, alles habe ich schon gesehen, aber solche Sachen regen mich jedes Mal wieder auf! Ich komme von der Arbeit heim und muss jetzt warten, dass hundert ungezogene und betrunkene Bengel ihren täglichen Adrenalinbedarf befriedigen! Und nicht nur das, sondern ich muss auch noch für die Polizei bezahlen, die sie voneinander fernhält. Sollen sie sie doch auf irgendeine Wiese bringen, wo sie sich prügeln können, solange sie wollen, aber uns sollen sie in Ruhe lassen. Wir wollen ihre Begegnungen nicht länger sehen!“ Je weiter wir uns von der famosen Trennlinie entfernen, desto ruhiger wird die Situation, aber es bleibt uns ein bitterer Nachgeschmack und Scham. Meine lieben Jugendlichen von der Ottakringer Straße, warum provoziert ihr absichtlich, warum werft ihr Flaschen, warum schießt ihr Feuerwerkskörper und Fackeln?

Es ist für mich unglaublich gut und schön, zu sehen, wie Ihr stolz Eure Hymnen singt, wie Ihr Eure Teams von Herzen anfeuert. Aber gleichzeitig ist es für mich als großen Sportfan ebenso wie für die übrigen Bürger eine Schande, wenn ich sehe, dass Ihr Flaschen und Fackeln werft und dass zwischen Euch, unserer Zukunft, ein Polizeikordon stehen muss! Glaubt Ihr wirklich, Ihr seid bessere Serben oder Kroaten, wenn Ihr Flaschen schmeißt und jemanden trefft? Bleibt stolz auf Eure Herkunft, Kultur und Sprache, aber macht auch Eure Heimat stolz! Schießt Eurer Mannschaft kein Eigentor! Vergesst nicht, dass Fußball ein Sport ist, in dem sich die Gegner am Ende die Hand reichen und zum Sieg gratulieren. Nehmt Euch unsere Vereins- und Nationalspieler zum Vorbild!

Kolarovs Fehler
Aber wie ist eigentlich das Spiel verlaufen? Kroatien ging schon in der 17. Minute durch ein Tor von Marijo Mandžukić nach einer Vorlage von Ivica Olić in Führung. Einen großen Fehler machte der erfahrene Verteidiger Kolarov und verschaffte Kroatien dadurch einen Vorteil. Die kroatischen Spieler machten weiter Druck auf die serbische Abwehr und so kam es in der 37. Minute zum zweiten Tor. Der Schütze war Ivica Olić nach einem Einwurf von Srna aus 25 Metern. Auch hier machte Kolarov einen Fehler, indem er Mandžukić foulte. Realistisch gesehen zeigte sich keine der beiden Mannschaften in Bestform, vor allem in der zweiten Halbzeit. Auch wenn Kroatien über die Serben stark dominierte, haben wir von ihnen schon weit bessere Spiele gesehen. Die serbische Mannschaft beklagte zwei nicht genützte Chancen, aber das lag auch an ihrer mangelnden Erfahrung. Nach den Siegen über Serbien und Wales liegt Kroatien jetzt auf Platz vier der offiziellen FIFA-Rangliste der besten Nationalmannschaften der Welt.

Bosnien kann langsam die Koffer packen
Bosnien-Herzegowina zeigte an demselben Abend erneut seine Entschlossenheit, sich für die Weltmeisterschaft zu qualifizieren. Nachdem Sie Litauen zuhause mit 3:0 geschlagen hatten, kam ihr größter Gegner und Anwärter auf den ersten Platz nach Zenica: Griechenland. Aber die Männer von Sušić zeigten dem Goliath, wo ihr Platz ist. Zwei Tore von Džeko und eines von Ibišević reichten für einen 3:1-Triumph über die Griechen. Freudenexplosionen erschütterten Zenica in der 31. Minute nach dem Tor von Džeko, in der 36. Minute, als Ibišević einen Abwehrschuss von Misimović im Netz versenkte, und schließlich in der 53. Minute, als Džeko mit dem Kopf das dritte Tor erzielte! Die Drachen stehen nach diesem Sieg bereits mit einem Bein in Brasilien!

Seine hervorragende Form bestätigte auch Montenegro, das sich zur allgemeinen Überraschung gegen das favorisierte England behaupten konnte. Mit dem 2:2-Ergebnis von Podgorica wie auch mit der Spitzenposition in seiner Gruppe mit 14 Punkten aus sechs Spielen können die Montenegriner mehr als zufrieden und sogar optimistisch sein, sich für die Weltmeisterschaft zu qualifizieren.

KOSMO-Redaktion

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