BLOG 13.02.2015

So war meine Balkan-Oma

© zVg.
Unzählige Enkel und Urenkel hingen an den Zipfeln ihrer mindestens drei Unterröcke. Darüber war sie in schwarz gehüllt. In anderen Farben konnte sie keiner mehr erinnern. Sie trank nichts außer den eigenen, erdigen, goldgelben Wein und war trotzdem nie betrunken. Hommage an eine Balkan-Oma.


Mittag war schon lang vorbei als ich durch das Gittertor auf den Hof stürmte. Die Hühner und Puten stoben gackernd auseinander und gaben schließlich den Blick frei auf die unangefochtene Herrscherin über alle Dinge: Da thronte sie inmitten ihres Gartens im Schatten eines Mandelbaumes auf einem alten Esstischstuhl, dessen staubiger Stoffbezug schon sehr gelitten hatte. Ihre faltigen Hände übereinander auf dem Knauf ihres Stockes ruhend, um das Handgelenk ihren Rosenkranz gewickelt, wandte sie mir ihr wettergegerbtes, vom schwarzen Kopftuch umrandetes Gesicht zu und schleuderte ihre raue Frage quer durch den Garten: „Di ste?!“

Niemand wäre in der Lage gewesen, NICHT zu stammeln. Ich stammelte unter anderem deshalb, weil ich des Kroatischen nicht mächtig war (in Gegenwart der Prababa war aber ohnehin nie jemand mächtig …) Verzweifelt suchte ich nach dem Satz oder zumindest dem Wort, das mir mein kroatischer Ehemann (und Enkel der hier im Garten thronenden Baba) am Olivenhain draußen eingebläut hatte… „Wir brauchen dringend…“ - „tribamo…. Topla?“

Unverständiger Blick der Prababa.

War wohl nix.

„Ähm… Potak?“

Prababa starrt mich weiter ungerührt an.

Hm. Neue Strategie: Mehr Zusammenhänge liefern! „Ivica je u polje. Traktor ne vozi dalje. Ne može dalje. Tribamo… Schaufel, Herrgott nochmal!!!“  Etwas dämmerte in den Furchen des Prababa-Gesichtes und als ich schließlich mit Händen und Füßen gestikulierend die Arbeit eines Grabenden pantomimisch darbot, funkelten ihre schwarzen Augen auf: „Ah, lopatu tribate!“

Darauf folgte ein ganzer Schwall von Worten und Gesten. Gar nicht mal recht laut und sie bewegte sich kaum auf ihrem Sitz im Schatten. Dennoch spielte sie offenbar ihre ganze Autorität aus: Bewegung kam in den Nachbarhof und ein Traktor samt Abschleppzubehör und Schaufeln wurde zacki-zack klargemacht, um dem Lieblingsenkel im Olivenhain mit seinem auf einer Erdscholle festgefahrenen Traktor zur Hilfe zu eilen.

Mittlerweile gedeihen unsere Bäume, die wir damals da pflanzten, gut und werden größer und größer. Die Prababa hingegen ist von uns gegangen. Ihren einzigen Sohn hat sie entgegen der Meinung aller im Dorf zum Studieren geschickt, statt ihn in der Landwirtschaft einzusetzen. Den Hof und die 4 Kinder brachte sie alleine durch. Dem Krieg hat sie getrotzt. Unzählige Enkel und Urenkel hingen an den Zipfeln ihrer mindestens 3 Unterröcke. Darüber war sie in schwarz gehüllt. In anderen Farben konnte sie keiner mehr erinnern. Sie  trank nichts außer den eigenen, erdigen, goldgelben Wein und war trotzdem nie betrunken. Dieser Wein schien sie am Leben zu halten, auch wenn sie jahrzehntelang jammerte, dass sie jetzt und gleich das Zeitliche segnen würde. Sie war unschlagbar. Unanfechtbar. Auch wenn sie Stunden damit verbrachte, in der Bibel zu lesen und die Bibel dabei falsch herum in ihren Händen hielt. Hart aber auch großzügig wie sie war, begegnete man ihr mit Achtung. Ich habe nicht viel verstanden von dem, was sie mir erzählte (mein Mann sagt oft, das sei nicht das Schlechteste…), aber zugehört habe ich immer. Ihr Geist wird die Familie immer behüten (oder nie von uns lassen…)

Barbara Šikić / KOSMO

Legende:
Prababa - Urgroßmutter
„Di ste?“ - Wo steckt ihr (denn so lange)?
„Tribamo“ - Wir brauchen
„Topla und Potak“ - nicht existente Wortkreationen auf der Suche nach dem richtigen Wort
„Ivica je u polje. Traktor ne vozi dalje. Ne može dalje.“ - Mehr oder weniger falsches Kroatisch für „Ivica ist am Feld. Und der Traktor fährt nicht weiter. Kann nicht weiter.“
„Lopatu tribate“ - Eine Schaufel braucht ihr

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