BLOG: AUSTRIA MEETS BALKAN 16.12.2014

Sich bücken fürs Visum

© zVg.
Unsere Bloggerin Nicole Rauscher begleitete ihren bosnischstämmigen Freund beim Weg zum Visum – und staunte über die Absurdität der österreichischen Bürokratie.


Als waschechte Švabica kenne ich österreichische Ämter nur von außen. Gut, so ganz stimmt das nicht. Eigentlich war ich mit meinen 31 Lenzen genau 5 Mal in einem der hiesigen staatlichen Verwaltungsgebäude: In der oberösterreichischen Bezirkshauptmannschaft, um eine Sozialdienststrafe für Rauchen mit 15 auszufassen, in eben jener, um meinen Führerschein abzuholen und im Wiener Bezirksamt, um meinen Hauptwohnsitz zu melden, aus der Kirche auszutreten und um meinen Pass zu verlängern. Das macht im Schnitt etwa 1 Mal alle 6 Jahre.  Und weil es sich dabei, um Standardprozesse handelt, gab es außer ewig langer Wartezeiten keine großartigen Hindernisse. Wie die österreichische Bürokratie tatsächlich (nicht) funktioniert, habe ich traurigerweise erst in den letzten 6 Jahren gelernt.

Mit dem Visum sogar aufs Klo

Hat man nämlich zufälligerweise keinen österreichischen Pass, weil Kissmet/Schicksal/Zufall dafür gesorgt hat, dass man außerhalb der Landesgrenzen auf die Welt gekommen ist, will der Staat oder eigentlich die MA35 plötzlich alles von einem wissen. Insbesondere dann, wenn man aus einem sogenannten Drittland kommt, wie eigentlich alle ex-jugoslawischen Länder mit Ausnahme von Slowenien und Kroatien eines sind, will die Regierung wissen, wieviel man verdient. Der gefallenen Monarchie würdig, ist ja nur, wer 36 Monate in den letzten 6 Jahren (bei insgesamt zehnjährigem Aufenthalt) mehr als 800 Euro verdient hat. Dafür darf man die eigene Staatsbürgerschaft abgeben und zum Grundwehrdienst, auch wenn das im Herkunfts(-kriegs-)land schon längst abgeschafft wurde. So bleibt es beim „dauerhaften Aufenthalt“, der so dauerhaft nicht ist: Alle 5 Jahre läuft die Aufenthaltskarte ab, die man gegen das nette Sümmchen von 150€ verlängern kann. Das Plastikkarterl ist bitteschön sogar auf dem Klo mitzuführen.

Im falschen Land geboren


Wenn dann gar das Layout oder eine einzelne Bezeichnung auf besagtem Aufenthaltstitel geändert wird, sind österreichische Institutionen überfordert. Da kann es einem trotz österreichischer Matura passieren, von der Studienzulassung der Uni Wien aufgefordert zu werden, einen Nachweis korrekten Deutschs zu erbringen. Da hilft auch nicht, das dazugehörige Gespräch akzentfrei über sich ergehen zu lassen und dabei mit einem HTL-Abschlusszeugnis inklusive respektabler Deutsch-Note zu winken – sagt das doch rein gar nichts aus. Dass bei solchen behördlichen Schikanen, nicht der Liebste, sondern ich im Dreieck spring, liegt nicht nur an meiner cholerischen Natur, sondern auch an der oben erwähnten, geringfügigen Erfahrung mit dem österreichischen Amt. Er nimmt das gelassen, er kennt das ja schon. Ironischerweise auch – eine Spur schlimmer – aus Bosnien, nur dort kann man glücklicherweise auf den rođak* zurückgreifen.

Nicole Rauscher

*Švabo-Legende: rođak - Cousin

"Jugo-Sprache, schwere Sprache"

Hilfe, mein Freund kommt vom Balkan!


„Eine Jugo-Hochzeit dauert drei Tage“

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