INTERVIEW 10.10.2013

Shantel: Anarchist und Romantiker

© zVg.
Er ist einer der Pioniere des westlichen Balkan-Pop. Wir trafen den „Disco Partisanen“ Stefan Hantel a.k.a Shantel zum Interview anlässlich seines neuen Albums „Anarchy + Romance“.


Mit seinem Bukowina Club Orchestar ist er als erster deutscher Musiker auf dem Trompetenfestival im serbischen Guča aufgetreten. Shantel arbeitete mit Musik-Größen wie Goran Bregović zusammen und gilt als einer der Wegbereiter für die Welle des Balkan-Pop in den letzen Jahren. Auf der aktuellen Tour zu seinem neuen Album traf unser Reporter Ljubiša Buzić den Musiker zum Gespräch:

KOSMO: Dein neues Album heißt „Anarchy + Romance“ – Wie würdest du unseren Lesern den Sound beschreiben?

Shantel: Den würde ich als Anarchy + Romance beschreiben… (lacht) Eigentlich klingt das Album wie die verrückten Live-Shows, die wir in letzter Zeit gespielt haben. Meine Alben, Disco Partizani oder Planet Paprika sind Konzeptalben gewesen und die Live Umsetzung für die Bühne ist eine ziemliche Herausforderung. Es sei denn man hat Laptops oder Playbacks. Und das finde ich total unsexy. Ich glaube nach wie vor an die gute alte Rock n Roll Band, Live and Direct – beschränke dich auf das Wesentliche und lass es einfach Krachen.

Gehören Anarchie und Romantik zusammen? Was hat der Titel für eine Bedeutung?

Naja, das was ich mache, entzieht sich eigentlich allen aktuellen Moden und Trends. Mein Sound ist  immer ein bisschen Anarchie, eine positive Verwirrung…  Zwischen den Stühlen. Und „Romance“ ist der Part, der meine Emotionalität beschreibt. Im Wesentlichen, hat das vielleicht mit meinen Wurzeln aus dem Osten zu tun, mit der Idee: Musik als Ritual. Ob das jetzt die Geburt eines Kindes ist, eine wilde Party oder eine Beerdigung oder Hochzeit . Deswegen spielt Emotionalität darin so eine große Rolle.

Du hast vorhin Disco Partizani erwähnt, das ist einer deiner größten Hits, und lebt  von dem Image des wilden Balkan – gibt es das überhaupt noch?

Das gab es nie. Und genau das hatte ich eigentlich immer versucht herauszuarbeiten. Ich wollte nie das Klischee des Balkans repräsentieren. Balkan-Pop ist ein Sound, der so nur in der Diaspora entstehen konnte und nicht in Belgrad oder in Bukarest oder in Thessaloniki. Als Musiker und als Künstler der in Kontinental-Europa lebt, habe ich mich sehr stark mit der Frage meiner eigenen Identität beschäftigt.

Du hast Vorfahren in der Ukraine, also in der Bukowina…

Ja. Als ich in anfing Musik zu machen, bin nach Czernowitz, die Stadt meiner Großeltern gereist. Ich hatte  sehr viele Erzählungen von meinen Großeltern im Kopf. Aber ich habe sehr schnell festgestellt, dass die Realität ganz anders ist. Es gibt nicht mehr diesen kosmopolitischen Vielvölkerstaat in der Bukowina, so wie es früher mal war. Das ist unwiederbringlich verloren.

Wie hast du darauf reagiert?

Dass dieses Bild nicht existiert ändert nichts an der Tatsache, dass ich diese vergangene Utopie des friedlichen Miteinanders trotzdem sehr erzählenswert finde. Ich habe versucht ein Transportmedium zu kreieren, das diesen Mythos am besten exportiert. Und das ist für mich die Musik. Vor zehn Jahren war das völlig ausgeschlossen, dass du in einer ganz normalen Clubnacht einen Song hörst, in dem sehr deutlich Balkan-Elemente zu hören sind. Und ich wage zu behaupten, dass das vielleicht auch mein wesentlicher Beitrag war – ich habe in den letzten zehn Jahren wirklich nichts ausgelassen. Ich habe jedes Festival, jede Party, jede Club-Show, jeden Exzess voll zelebriert. 

Du warst der erste deutsche Musiker, der am Trompetenfestival im serbischen Guča gespielt hat… Wie war die Erfahrung für dich?

Ich hatte überhaupt nicht die Gelegenheit, mich dort als Deutscher zu definieren, weil die Leute mich sofort als einen der ihren adoptiert haben. Die Menschen haben mir gesagt: „Uns berührt das so, wir finden das so gut, du MUSST einer von uns sein.“ Ich wurde quasi zwangseingebürgert. Ich habe von vielen Bedeutenden Musikern, Anfragen bekommen und mit ihnen zusammen gearbeitet. Auch Goran Bregović hat bei mir mehrfach angeklopft und ich habe mit ihm gearbeitet. Ich war auch in Belgrad bei ihm zuhause. Ich hatte nie das Gefühl, dass man mich dort als Exoten oder als Ausländer behandelt, sondern als ein fixer Bestandteil der ganzen Szene. Bis heute vergeht keine Woche, wo nicht eine Anfrage von einem Musiker oder Produzenten kommt.

Du hast dein eigenes Musik-Label – wie kann man heute überhaupt noch von Musik leben?

Indem man hart arbeitet, indem man sich selbst ausbeutet, indem man keinen Urlaub macht und auf Privatleben weitestgehend verzichtet. Heutzutage sind Indie-Labels mehr zu so etwas wie Marketing-PR-Agenturen geworden, die ihre Kontakte nutzen, um jemanden ins Gespräch zu bringen. Als kreativer Pool, der eine Karriere beflügelt steht das auf sehr wackeligen Beinen. Vertraue keinem Major Plattenlabel oder einer großen Konzertagentur sondern nimm dir lieber einen Bank-Kredit. Da bekommst du einen besseren Zinssatz und man hat es mit relativ verlässlichen Partnern zu tun.

Wie siehst du deine künstlerische und persönliche Entwicklung?

Ich finde die letzten Jahre waren sehr spannend und sehr aufregend. Ich habe viele interessante Menschen kennengelernt. Ich habe vor allem gelernt, dass die Frage nach der eigenen Identität für mich immer mehr in den Hintergrund getreten ist. Ich finde das unwichtig, wo jemand herkommt, mich interessieren keine nationalen Unterschiede. Viel wichtiger finde ich die Gemeinsamkeiten. Ich habe zum Beispiel japanische Musiker kennengelernt, die haben unglaublich ergreifend traditionelle mazedonische Songs gespielt. Es gibt ganz verrückte Projekte, wo alles miteinander verschmilzt...das ist die Zukunft.  

Interview: Ljubiša Buzić / KOSMO

Anarchy + Romance ist ab 18. Oktober 2013 im Handel erhältlich.

http://www.bucovina.de

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