KULTUR 03.04.2014

Shakespeare trifft Brunnenmarkt

© Bert Schifferdecker
Der KunstSozialRaum Brunnenpassage bringt erstmals ein großes Projekt auf die Bühne des Wiener Volkstheaters. Mit 30 Darstellern und neun Sprachen wird die Shakespeare-Adaption „Ausnahmezustand Mensch Sein“ uraufgeführt. KOSMO war bei einer der letzten Proben dabei.


Normalerweise treten sie bei ihren Projekten in der Brunnenpassage in Wien-Ottakring vor etwas mehr als 100 Menschen auf. Nun wartet der ausverkaufte große Saal des Wiener Volkstheaters mit seinen 900 Plätzen auf sie. Bei „Ausnahmezustand Mensch Sein“ wird erstmals eines der Projekte des KunstSozialRaums Brunnenpassage auf der großen Bühne des Wiener Volkstheaters aufgeführt. Zwei Jahre lang arbeitete das Team aus Laiendarstellern mit dem Bühnenautor Clemens Mägde an dem Stück zusammen.

Wenige Tage vor der Premiere am 4. April ist beim Ensemble eher Vorfreude als Nervosität zu spüren. Als wir Petra Grosinić und Sanja Govorčin in einer Probenpause in der Roten Bar im Volkstheater treffen, sind die beiden Frauen aufgekratzt und euphorisch. Ganz neu ist das Auftreten vor Publikum für beide nicht. Sie engagieren sich seit Jahren immer wieder in den Projekten der Brunnenpassage. Trotzdem ist es für Petra Grosinić, die mit dem DJane-Kollektiv Brunnhilde für die Klanggestaltung des Stücks verantwortlich ist, ist es das erste Theaterprojekt. Als DJane CounTessa legt sie normalerweise eher in kleinen Clubs auf. Hier hat sie zum ersten Mal auch selbst Klänge aufgenommen, die für die Untermalung der Aufführung zum Einsatz kommen.

Auch für Sanja Govorčin ist es der erste Auftritt als Schauspielerin. Die Junge Lehramtstudentin schlüpft in dem Stück gleich in mehrere Rollen. Unter anderem hat sie auch eine Stelle, an der sie eine Schimpftirade auf Kroatisch loslässt. Die beiden Frauen sind nur zwei der dreißig Mitglieder des Ensembles, die sich regelmäßig an den Projekten der Brunnenpassage beteiligen.

Menschliches – nicht nur Migrantisches

Gemeinsam mit den Darstellern hat Clemens Mägde auf Vorlage von Shakespears „Der Sturm“ ein Bühnenstück erarbeitet, in dem die Grenze zwischen den Individuen aufgelöst wird. Auf der Bühne ist der Ausnahmezustand eine einsame Insel, fern der Heimat. Isolation und Identität sind die großen Themen des Stücks. Die dreißig Darstellerinnen und Darsteller tauschen immer wieder die Rolle, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Nationalität. Es wird in neun Sprachen gespielt. „Aber die Emotion versteht man trotzdem“, sagt der Autor. Dass es um Menschliches geht und nicht um rein Migrantisches, ist ihm wichtig. Man wollte bewusst auf das ausdrückliche Ausspielen des Migrationsbezugs verzichten. Der Ausnahmezustand betrifft uns alle.

Als „Migrantenprojekt“ hat es auch Karl Markovics, einer der bedeutendsten österreichischen Schauspieler und Schirmherr der Produktion, nie erlebt. „Die Brunnenpassage arbeitet nicht in erster Linie für Migranten, sondern für alle Menschen, die dort leben“, sagt Markovics am Rande der Proben im Volkstheater.

Gerade um den Wiener Brunnenmarkt, der jahrelang als sozialer Brennpunkt mitten im „Ausländerbezik“ Ottakring galt, sind in den letzten Jahren viele junge und frische Kulturprojekte entstanden. Die Brunnenpassage hat sich zu einem kulturellen Treffpunkt entwickelt, der die unterschiedlichsten Menschen zusammenbringt.

Bunt gemischtes Team

Das ursprüngliche Angebot, bei dem Stück die Regie zu übernehmen, musste Markovics aus Zeitmangel ablehnen. Dennoch begleitete er das Projekt über den ganzen Zeitraum seiner Entstehung und versucht vor allem Aufmerksamkeit dafür zu generieren: „Ich sehe mich eher als Aufhänger für Zeitungen, die das ganze sonst vielleicht in eine Nische geschoben hätten“, erklärt Markovics.

Dass das Projekt letztendlich nicht in die gutgemeinte Integrationsschiene geschoben werden kann, verdankt sich der harten Arbeit des gesamten Teams, das zur endgültigen Fassung des Stücks maßgeblich beigetragen hat, wie Clemens Mägde betont. Das Ensemble ist bunt und besteht nicht aus professionellen Schauspielern. Jeder bringt seine eigenen Fähigkeiten ein. Auf der Bühne wird gespielt, gesungen, getanzt und Schlagzeug gespielt. Eine der Darstellerinnen tritt auf einem Trapez auf und drei DJanes untermalen das Stück mit Klangkollagen und Musik. Eine der Schauspielerinnen zeigt eine Choreographie mit einem Schwert. Für knappe eineinhalb Stunden trifft hier Shakespeare auf den jungen, kreativen Geist der Brunnenpassage.

Ljubiša Buzić / KOSMO

Im Web:
www.volkstheater.at

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