INTERVIEW: BOŽO VREĆO 28.01.2015

„Sevdah weckt die Frau in mir“

© Peter Provaznik / KOSMO
Viele bezeichnen ihn als bosnische Choncita Wurst - er tritt in Frauenkleidern auf und begeistert das Publikum mit seiner Stimme. Wir trafen Božo Vrećo, Frontman der bosnischen Band Halka, bei seinem Benefizkonzert für den gemeinnützigen Wiener Verein Futurebag zum Interview.


KOSMO: Du bist ein äußerst ungewöhnlicher Mann. Ist es für dich immer leicht, du selbst zu sein?


Božo Vrećo:
Ehrlich gesagt, ist es immer leicht, weil ich es mir gefällt, so zu sein, wie ich bin. Solange ich mit mir selbst zufrieden bin, kann absolut nichts an mich heran. Ich würde mit niemandem tauschen wollen, denn alles, was ich erlebt habe, hat zu dem geführt, was ich heute bin. Es ist nichts Künstliches oder Gestelltes dabei - und das spüren die Leute.

Wir sehen dich bei Auftritten oft in langen Kleidern und geschminkt... Wann ist es besser, ein Mann zu sein, und wann, eine Frau?


Auf diese Frage weiß ich keine Antwort, denn ich bin sowohl das eine als auch das andere. Auch jetzt, während wir hier reden, habe ich weder aufgehört, ein Mann zu sein, noch eine Frau. Weil die Sevdalinka so voller Gefühl ist, weckt sie die Frau in mir. Wenn du eine Seite unterdrückst, wird die andere aggressiv und grob. So hast du die vollkommene Harmonie, und das spürt man.

Du bist in Foča geboren, wo du mit deiner Mutter und zwei älteren Schwestern aufgewachsen bist, weil dein Vater gestorben ist, als du fünf warst. Eine Zeitlang hast du in Belgrad gelebt. Ist deine Entscheidung, nach Sarajevo zu gehen und Sevdalinka zu singen, auf Unverständnis gestoßen?


Die Liebe zur Sevdalinka verdanke ich meiner Mutter. In meiner Kindheit hatte ich ständig den Klang der Sevdalinke im Ohr. Es brauchte einfach Zeit, bis das in mir gereift war und ich sagen konnte: Der Sevdah ist meine Berufung! Und ich glaube, dass das eine Gottesgabe ist, denn es gibt Menschen, die sich ihr Leben lang in nichts wiederfinden können. Natürlich triffst du überall auf Menschen, die sich davon irritiert fühlen, wie stark, glücklich und mit dir selbst zufrieden du bist. Das sind arme Menschen, die ihre negative Energie auch auf andere übertragen wollen, aber das lasse ich nicht zu. Aber ich glaube, es gibt mehr Menschen, die mich gerade darum mögen und unterstützen, weil ich anders bin.

Du hast mit a-capella-Sevdah oder sozusagen „trocken“ (ohne Instrumentalbegleitung) begonnen, aber heute bist du der Sänger von Halka und hast unlängst auch ein Soloalbum herausgebracht...

Als ich nach Sarajevo gegangen bin, habe ich im Sevdah-Haus Velike Daire a capella gesungen. Dieser Raum hat mich inspiriert, aber es war auch eine wirklich schwere Zeit für mich, denn ich habe damals in Hotels geschlafen. Aber ich habe auch damals an mich geglaubt, und das hat mir Kraft gegeben. Wenn ich damals nicht an mich geglaubt und alles ertragen hätte, hätte ich vielleicht keine zweite Chance bekommen. Das haben die Medien erkannt und auch die Leute, mit denen ich heute arbeite und zusammenarbeite. Darum stehe ich heute da, wo ich stehe.

Du hast schon zwei Lieder für die Band geschrieben und gesungen und zwei für dein Soloalbum. Hast du eigentlich eine musikalische Ausbildung?

Überhaupt nicht. Das wollte ich auch nicht, obwohl ich mehrere Angebote bekommen habe. Die Leute hören es, wenn du richtig und im Takt singst, aber ich wollte niemals, dass da jemand einen Besitzanspruch entwickelt und sagt, dass gerade er mich entdeckt und geformt hat. Jeder beeinflusst jeden, das ist sicher. Ich wollte, dass das ganz allein mein Projekt ist. Auch mit allen seinen Fehlern. Denn ich werde niemals perfekt singen, niemand kann das. Das will ich auch nicht. Aber ich will meine Gefühle perfekt rüberbringen. Ich glaube, dass das der Punkt ist beim Sevdah. Die Gefühle müssen Sie erreichen.

In Wien steht der bekannte Wettbewerb „Eurovision Song Contest“ bevor, den uns die österreichische Siegerin Conchita Wurst beschert hat.  Ihr werdet oft mit einander verglichen. Was hältst du von ihr?

Ehrlich gesagt, haben mir das Lied und das Visuelle sehr gefallen. Auch diese Freiheit hat mir auf jeden Fall sehr gefallen. Denn auch diese Persönlichkeit lebt ein freies Leben - wenn auch unter einem Pseudonym. Im Gegensatz dazu habe ich einen Vornamen und Nachnamen, hinter dem ich mit Stolz stehe. Obwohl wir eigentlich unterschiedlich sind, gab es viele Vergleiche, denn wir sind beide dunkel und tragen Bärte, aber mich hat das weder gekränkt noch verunsichert. Denn warum sollte ich den Vergleich scheuen, wenn es um Freiheit und Kunst geht. Hat die Kunst denn Grenzen? Aber dennoch sind wir zwei ebenso verschieden, wie wir uns ähneln. Wir bewegen uns in verschiedene Richtungen und es gibt sogar visuelle Unterschiede. Ich trage ausschließlich lange Kleider und alles ist viel eleganter und reduzierter. Und das wiederum hat genau mit dem zu tun, was ich darstelle - die traditionelle Musik.

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