INTERVIEW 01.06.2015

„Serbien ist in meinem Herzen!“

© zVg.
Arnaud Gouillon (29) bezeichnet sich selbst als Französisch-Serben oder Serbisch-Franzosen. Er kommt aus Frankreich, ist in alles verliebt, was serbisch ist. Vor kurzem erhielt er auch die serbische Staatsbürgerschaft.

Vor 10 Jahren gründete Arnaud Gouillon (29) die NGO „Solidarnost za Kosovo“ (Solidarität für Kosovo) in Frankreich. Heute lebt er in Serbien und ist mit einer Serbin verheiratet, mit der er ein Kind hat. Er spricht fließend Serbisch und kennt die Geschichte Serbiens besser als viele Serbinnen und Serben selbst. Über diese Lebensweise schrieb er in seinem Buch „Svi moji putevi vode ka Srbiji“ (Alle meine Wege führen nach Serbien). KOSMO sprach mit diesem ungewöhnlichen Mann.

KOSMO: Woher kommt ein solches Interesse und die Liebe zu Serbien?

Arnaud Gouillon: Mein Vater und mein Großvater waren sehr große Geschichtsliebhaber, daher haben sie mir in meiner Kindheit viel über die große Freundschaft zwischen Frankreich und Serbien erzählt. Das war auch nach der NATO-Bombardierung Serbiens ein präsentes Thema bei uns. Wir waren uns bewusst, dass Dinge nicht so sind, wie sie uns manchmal von den Medien dargestellt wurden. Damals habe ich das Mitgefühl für das serbische Volk entwickelt. Meine Liebe zu Serbien kam mit der Reise in den Kosovo und natürlich noch mehr, nachdem ich meine Ehefrau Ivana, mit serbischer Herkunft, kennengelernt habe und vor kurzem mit der Geburt unserer Tochter Milena.

Sie haben Innsbruck ihr autobiografisches Buch über Serbien veröffentlichen. Was ist die Hauptbotschaft dieses Buchs?

Heutzutage ist der Mensch immer größerem Druck ausgesetzt. Daher ist meine Hauptbotschaft, dass die Welt nicht nur von oben, wo große Entscheidungen fallen,  aufgebaut wird, sondern auch von unten, wo wir gewöhnliche Bürger wirken können. Ich glaube, dass jeder der es will, die Welt aufbauen kann.

Sie beschäftigen sich im Buch nicht mit der Kosovo-Politik. Trotzdem möchten wir wissen, was Sie denken, gibt es für Serbinnen und Serben in Kosovo Hoffnung?


Natürlich ist die Situation sehr schwer. Jedoch ist die Zukunft nicht so schwarz wie sie aussieht, denn Serben in Kosovo haben noch Hoffnung und geben nicht auf. Das was mich besonders überrascht hat, als ich im Kosovo war, war die Anzahl von Kindern. Es ist keine Seltenheit, fünfzig Kinder in einem Dorf von einhundertundfünfzig Einwohnern zu sehen! Frauen in Enklaven gebären Kinder, erziehen sie und glauben an ihre Zukunft. So lange es serbische Kinder in Kosovo gibt, gibt es auch Hoffnung.

Können Sie uns beschreiben, wie ein Fremder Serbien erlebt?

Ich habe ein neues Land kennengelernt, doch in erster Linie ein Volk. Ich liebe die serbische Gastfreundlichkeit, Offenheit, die Traditionen und die Toleranz. Serben sind direkt und zögern nicht etwas zu sagen. Sie führen offene Diskussionen. Sie sind nicht mit dem zufrieden, was ihnen angeboten wird, sondern suchen selbst nach der Wahrheit. Das ist für mich die Volksintelligenz.

Gibt es etwas, was Ihnen bei den Serbinnen und Serben nicht gefällt?

Das was mir weniger gefällt ist das Nichteinhalten von Terminen und die schlechte Organisation (lacht). Serben sind jedoch smart und schaffen Unmögliches von heute auf morgen. Doch wenn man Größeres erreichen will, braucht man einen Plan und die Zeit dafür. So denke ich als Franzose. Und als Serbe würde ich die ständigen Uneinigkeit zwischen dem serbischen Volk hinzufügen. Es gibt kein Konsens bezüglich der bedeutenden Fragen. Wenn zwei Serben mit etwas einstimmig sind, kann man sicher sein, dass sie sich eine dritte Person holen, um über etwas diskutieren zu können.

Sie beschäftigen sich mit Serbien im geschäftlichen Sinn, sprechen Serbisch, haben eine serbische Ehefrau und jetzt haben Sie auch die serbische Staatsbürgerschaft. Haben Sie Frankreich aufgegeben?

„Humanitäre Hilfe ist in Ordnung, aber warum für Serbien?“, fragte mich einmal ein Freund in Frankreich. Die Antwort war einfach: „weil mein Herz mit ihnen ist“. Ich bin Französisch-Serbe oder Serbisch-Franzose. Ich fühle mich gleich gut in Belgrad und in Paris.

Viele junge Menschen wandern aus Serbien in die EU aus, Sie aber taten das Gegenteil…

Ich weiß nicht, ob ich ein Idealist oder ein Romantiker bin, doch trotz allen reellen Reizen des Lebens in Frankreich oder der Schweiz, wo viele von meinen Freundinnen und Freunden arbeiten, habe ich mir über etwas Gedanken gemacht. Über den Sinn. Was ist der Sinn in alldem? Außer des großen Gehalts, womit würde ich mit der Arbeit in einer großen Weltfirma zu dieser Welt beitragen? Diesen Sinn zeige ich jetzt mit dem, was ich in Kosovo mache, sowie mit meinem Leben in Belgrad.

Interview: Sandra Radovanović / KOSMO

*Arnaud Gouillon hat noch in seiner französischen Wohltätigkeitszeit die NGO „Solidarnost za Kosovo“ (Solidarität für Kosovo) gegründet. In den letzten zehn Jahren hat er 36 Konvois mit humanitären Hilfegütern für Betroffene in den Kosovo gebracht.

Verliebt in Bosnien: „Bis mich der Durchzug tötet“

So war meine Balkan-Oma

„BKS ist ein hässlicher Kompromiss“

Aktuelle Ausgabe

Aktuelle Ausgabe als PDF zum Nachlesen

COVER STORY:
Österreichs Beschützer
INTERVIEW:
Rap-Legende Juice
REPORTAGE:
Teure Geburstage

Zusendung

Lassen Sie sich KOSMO bequem nach Hause zusenden! Versandkostenbeitrag nur 11,- EUR (10 Ausgaben).
Zum Bestellformular

Facebook