RASSISMUS IM NETZ 15.04.2014

„Selbst gegen Rassismus tätig werden!“

© zVg.
Rassismus in sozialen Netzwerken nimmt zu. Wir sprachen mit dem Experten Thomas Philipp über die Welle der Fremdenfeindlichkeit auf Facebook, Twitter und Co.


KOSMO: Sie behaupten in einer Ihrer Studien, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit nehmen auf den sozialen Netzwerken in Österreich zu. Wodurch wird dieser Umstand begünstigt?

Thomas Philipp: Institutionen wie jugendschutz.net oder ZARA registrieren gerade in den letzten Jahren einen deutlichen Zuwachs von rassistischen und rechtsextremen Inhalten. Begünstigt wird dies etwa dadurch, dass Social-Media-Plattformen eine einfache und kostengünstige Möglichkeit darstellen, rassistische Ideologien zu verbreiten. Dazu entziehen sie sich oftmals der österreichischen Gesetzgebung – Stichwort "Serverflucht". Die Möglichkeit der (scheinbaren) Anonymität lässt außerdem bei vielen Nutzern die Hemmschwelle sinken. Facebook, Twitter & Co sind darüber hinaus von ihrer Struktur her Medien, in denen Information stark verknappt geäußert wird. Die Erklärung komplexer Zusammenhänge passt nicht in einen Tweet oder ein Facebook-Posting und jeder Hyperlink zu weiteren Erläuterungen ist zu viel.

Auf welchen Plattformen sind rassistische Aussagen derzeit am meisten verbreitet, welche Plattformen sanktionieren diese am wirksamsten?

Am häufigsten sind rassistische Aussagen auf den großen Social-Media-Plattformen zu finden. Facebook reagiert seit Oktober 2012 mit einem neuen Meldesystem relativ schnell bei Hinweisen auf rassistische Inhalte, Google+ ebenfalls. YouTube-Videos werden teilweise gelöscht, teilweise nicht, teilweise wird nur der Zugang beschränkt. Andere Plattformen wie Twitter, Tumblr, Instagram oder Blogspot haben hier überhaupt großen Aufholbedarf. Für alle genannten Social-Media-Plattformen gilt zudem, dass sie nur auf Hinweise reagieren und nicht selbst gegen Verstöße aktiv werden. Zudem ist das erneute Hochladen bereits gelöschter Inhalte relativ leicht möglich.

Gegen wen richten sich die meisten rassistischen und fremdenfeindlichen Aussagen und in welcher Form manifestieren sie sich?

Menschen mit anderer Hautfarbe, anderer Herkunft, nicht-christlicher Religionszugehörigkeit, aber auch Menschen und Gruppen, die antirassistische Arbeit leisten. Die Aussagen manifestieren sich sowohl in Postings der Betreiber als auch in den Kommentaren von Nutzern. Ein Beispiel von der Facebook-Seite "KAR - Kriminelle Ausländer Raus": Zu einem Bericht der Stuttgarter Zeitung mit der Schlagzeile "Blaulicht aus der Region Stuttgart: Mädchen schlagen Pendlerin zusammen" findet sich folgendes Posting des Betreibers: "Von den Schlägerinnen ist nur bekannt, dass sie südländische oder orientalische Musik gehört haben und von fülliger Statur sein sollen - alles klar genetisch barttragender Abschaum!"

Werden solche Aussagen von der Tagespolitik stark beeinflusst?

Sowohl vom aktuellen politischen als auch medialen Diskurs – vor allem deshalb, weil Social-Media-Plattformen vielfach als Distributionssysteme für etablierte Parteien oder Massenmedien dienen. Da wird dann beispielsweise ein Posting eines rechtsextremen Politikers mit offensichtlich falschen Zahlen zum "Asylmissbrauch" oder eine hetzerische Schlagzeile aus einem Boulevardblatt innerhalb kürzester Zeit tausendfach unhinterfragt geteilt.

Wie werden rassistische und fremdenfeindliche Aussagen am häufigsten sanktioniert? Was sagt der Gesetzesgeber?

Für die österreichische Justiz ist es schwierig, die tatsächlichen Betreiber von rassistischen Seiten oder Angeboten auf den Social-Media-Plattformen ausfindig zu machen und zu verfolgen, da sich die Server oftmals im Ausland befinden. Es handelt sich hier um eine komplexe Debatte rund um die Einschränkung der freien Meinungsäußerung aufgrund von verhetzenden und rassistischen Aussagen unter dem Licht des Datenschutzes auf internationaler Ebene.

Was würden Sie allen raten, die auf fremdenfeindliches Gedankengut auf sozialen Plattformen wie Facebook, Twitter oder YouTube stoßen?

Die Seiten bzw. Angebote sofort bei den Plattformen melden, dazu bei entsprechenden Stellen wie www.zara.or.at, www.jugendschutz.net oder hass-im-netz.info. Schön und gut ist es auch, wenn man selbst antirassistisch tätig wird.


Interview: Nedad Memić / KOSMO

Zur Person:

Thomas Philipp, Sozial- und Kulturwissenschafter, lebt und arbeitet in Linz. Die angesprochene Studie wurde unter seiner Leitung gemeinsam mit Dr. Andre Zogholy und 25 Studierenden am Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik an der Johannes Kepler Universität Linz erstellt und im Juni 2012 veröffentlicht.

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