KOMMENTAR 29.09.2014

Schwule Grammatik

© zVg.
Der Autor und KOSMO-Redakteur Uroš Miloradović schreibt „Geschichten aus dem kurzsichtigen Winkel“ – diesmal: Zweisprachige Homophobie in Wien.


Es ist keine Kleinigkeit. Am vergangenen Wochenende wurde dem Dickicht der trockenen Definitionen des Wortes „schwul“ eine neue Bedeutung hinzugefügt. Schwul ist somit jemand, der sich korrekt seiner Muttersprache bedienen kann.

Für diesen bedeutenden Beitrag zur Geistesgeschichte dürfen wir dem unbekannten Täter danken, der seine zweisprachige Botschaft in den frühen Stunden des 27. September auf der Hauswand des Lesben- und Schwulenhauses Rosa Lila Villa in Wien verewigte. Dem deutschsprachigen „Töte Schwule“ fügte der Täter auch eine Übersetzung auf Bosnisch/Kroatisch/Serbisch hinzu. Glaubte man bisher, die grammatikalisch richtige Form dieser Aufforderung wäre „Ubij pedera“ („Töte den Schwulen“), so hat uns der Sprayer gezeigt, dass man auch „Ubi Pedera“ verwenden kann – was bisher die Vergangenheitsform war, also so viel bedeutete wie: „Schwuler getötet“.

Auch wenn die Identität und die genaueren Motive des Täters unbekannt bleiben, kann man mit einiger Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass der Anlass die an diesem Wochenende friedlich abgehaltene Belgrade Pride gewesen sein dürfte (die man in Zukunft auch als Parade des Stolzes und der Grammatik bezeichnen könnte, an der auch fröhliche und stolze Sprachforscher teilnehmen könnten).

Es ist wieder einmal faszinierend zu beobachten, wie die braunen Stückchen der Homophobie es geschafft haben, bis in den sechsten Bezirk in Wien zu treiben. Es ist ebenfalls symptomatisch, dass der Löwenanteil der Identitätswächter und scheinheiligen Hüter der Volksseele (die Bosnier, Kroaten und Serben zumindest in Sachen Homophobie vereint) eine beschämende Unkenntnis der eigenen Sprache an den Tag legt. Nicht dass ein gebildeter Faschist oder Homophober das kleinere Übel wäre – zumindest würde er einen „professionelleren Eindruck“ hinterlassen.

Uroš Miloradović / KOSMO

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