RASSISMUS 21.03.2014

Schluss mit der „Türkenbelagerung“

© Magdalena Possert
Heute ist der Internationale Tag gegen Rassismus. Wir sprachen mit Simon Inou, der für seinen Einsatz gegen Rassismus in Österreich bekannt ist.


Simon Inou ist Journalist, Soziologe und Geschäftsführer der M.Media Diversity Mediawatch Austria und Organisator der Medien.Messe.Migration&Diversität. Wir sprachen mit ihm über Diskriminierung in der Sprache, Rassismus in Schulbüchern und eine Migrantenquote in den Medien.

KOSMO: Sie haben Sich immer wieder mit Alltagsrassismus und Rassismen in der Sprache beschäftigt – wieso ist Sprache so wichtig?

Simon Inou: Die Sprache ist wichtig, weil wir unsere Welt nur durch die Sprache beschreiben bzw. wahrnehmen können – ebenso wie die Menschen um uns herum. Wir bestimmen alles was wir tun nur durch die Sprache. Damit wir in einer Gesellschaft respektvoll mit einander umgehen, müssen wir auch die Diskriminierung in der Sprache bekämpfen.

Sie beschäftigen sich im Moment intensiv mit Rassismus in Schulbüchern …

Im Jänner haben wir ein neues Projekt initiiert. Diskriminierung ist auch eine Frage der Sozialisation und diese beginnt in Schulbüchern. Wir haben österreichweit Lehrerinnen und Lehrer eingeladen, diskriminierende Stellen in Schulbüchern auf eine Facebook-Seite (facebook.com/SchulbuecherOsterreich) zu stellen. Das Ziel ist, dass wir diese Stellen sichtbar machen, damit etwas dagegen unternommen wird. Es haben auch schon Treffen mit dem Ministerium und Schulbuchverlagen stattgefunden.

Was für konkrete Beispiele gibt es für Rassismus und Diskriminierung in Schulbüchern?

Die heftigste Diskussion findet gerade zum Begriff „Türkenbelagerung“ statt. Die Wahrheit ist, dass die Türkei damals nicht existierte. Der Begriff bezieht sich also auf Menschen, die heute leben. Richtig wäre die Osmanenbelagerung. Afrika und Asien werden immer noch falsch präsentiert. Schulbücher vermischen Regionen und Länder.  In einem Schulbuch steht sogar, dass Westafrika ein Land ist. Ein anderes Thema ist der erste Weltkrieg. Wir haben heuer den hundertsten Jahrestag und ich bin sehr neugierig, was in den Schulbüchern über Serbien steht. Das ist ein sehr brisantes Thema.

Was erwarten Sie sich von dem Projekt?

Die Frage ist generell: Wie werden Menschen mit anderen Nationalitäten, die mit der österreichischen Geschichte zu tun haben, beschrieben? Österreichische Institutionen verlangen von Wissenschaftlern, uns Migranten aus einer objektiven Perspektive zu beschreiben – wir sind ein Objekt. Sie vergessen, dass wir ein Subjekt sind und, dass wir auch innerhalb der Geschichte etwas zu sagen haben. Die Sozialisation von Generationen von Österreichern passiert in den Schulbüchern. Das sind die primären Medien, mit denen wir als Kinder zuerst zu tun haben.

Bleiben wir noch bei der Schule – sie haben vor kurzem einen rassistischen Legasthenie-Test an die Öffentlichkeit gebracht. Wie wirkt sich so etwas auf die betroffenen Kinder?


Nehmen wir an, du hast als Kind Legasthenie - das heißt, du musst lernen, wie du mit der Sprache und Schrift umgehen sollst. Und du kommst aus einer Familie, wo klar ist, dass das N-Wort ein rassistisches Wort, eine Beschimpfung ist. Und als Kind musst du dann so einen Text machen, wo genau dieses Wort vorkommt. Wie wirst du reagieren?  Wichtig war die Reaktion des Kindes. Das Mädchen hat sofort mit den Eltern geredet und am nächsten Tag waren sie in der Schule. Schade ist nur, dass der Stadtschulrat die Lehrerin an den Pranger gestellt hat, statt sich mit der strukturellen Diskriminierung zu beschäftigen.

Sie kritisieren auch immer wieder Rassismus in der Medienberichterstattung. Wie sieht das konkret aus in Österreich?

Die Situation hat sich in den letzten zehn Jahren sehr positiv verändert. Viele Medien haben auf unsere Kritik gut reagiert. Zum  Teil aber auch nicht. Wenn man immer noch Begriffe verwendet wie „rumänische Taschendiebe“, „schwarzafrikanische Drogendealer“ oder „Ost-Banden“, dann ist das sehr problematisch. Das sind Begrifflichkeiten, die ganze Regionen und Millionen von Menschen pauschal verurteilen.

Sie haben immer wieder eine Migrantenquote in den Redaktionen gefordert – was würde sich dadurch ändern?

Wenn ich z.B. als Schwarzer in einer Redaktion arbeite, werden die Redakteure - die auch Kollegen sind - ganz genau überlegen, wie sie über Schwarze berichten. Das ist Fakt. Das gilt auch für Menschen mit Behinderungen, anderen sexuellen Orientierungen, anderen Weltanschauungen etc. Die Redaktionen sollten ein Abbild der Gesellschaft sein.

Welche Bedeutung haben Migrantenmedien für die Integration?

Zuallererst berichten die Migrantenmedien aus der Perspektive der Migranten. Von der Fremddarstellung zur Selbstdarstellung. Außerdem berichten sie in ihrer Muttersprache – sie haben also auch eine kulturelle Pflege- und Brückenfunktion. Und sie haben eine Inklusionsfunktion, weil viele österreichische Medien diese Communitys nicht erreichen. Sie haben aber auch eine wichtig Funktion für die  zweite und dritte Generation, die nicht nur mit der Wahrnehmung aus den österreichischen Medien aufwächst. Diese Medien helfen uns, zu verstehen, dass es nicht nur unsere hiesige Gesellschaft gibt, sondern auch die Gesellschaft der Eltern und Großeltern. Es gibt nicht nur die österreichische Welt, wo ich mich sowieso durch die Schule sozialisiere, sondern es gibt auch eine andere, wo ich mich auch zuhause fühle.

Interview: Ljubiša Buzić

Im Web:
Facebook: Schulbücher in Österreich

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