INTERVIEW: JASMILA ŽBANIĆ 08.07.2014

„Schluss mit dem Schweigen“

© zVg.
Jasmila Žbanić, die preisgekrönte Regisseurin und Aktivistin aus Sarajevo, erzählt über ihren neuen Film, die schwierige Auseinandersetzung mit der Vergangenheit am Balkan und die sozialen Proteste in Bosnien-Herzegowina.


Mit ihrem Film „Grbavica“ hat Jasmila Žbanić beim Berliner Filmfestival 2006 den Goldenen Bären erhalten sowie den Preis der ökumenischen Jury und den Friedenspreis erhalten. Ihr neuer Film beruht auf einem Stück der australischen Künstlerin Kym Vercoe, die sich mit der jüngsten Vergangenheit Bosnien-Herzegowinas auseinandergesetzt hat.

Ihr Film „Za one koji ne mogu da govore“ eröffnete unlängst die 16. Ausgabe des Internationalen Frauenfilmfestivals in Seoul. Wie hat das dortige Publikum auf den Film reagiert und wie vertraut ist es überhaupt mit den Ereignissen des Krieges und der Nachkriegszeit in Bosnien-Herzegowina?


Korea hat seine eigene unterdrückte Kriegsgeschichte. Die Zuschauer haben unsere Geschichte eigentlich als Film über die Frauen Koreas gesehen. Natürlich wussten sie nicht viel über Bosnien-Herzegowina, aber die Informationen sind auch nicht das Wesentliche. Wichtig ist, wie der Film die Gefühle anderer wiedergibt.

Haben sie Rückmeldungen bekommen, wie sehr der Film das Bewusstsein der Zuschauer beeinflusst hat?

Das einzige, das ich bei den Filmvorführungen merke, ist, wie die Menschen emotional reagieren und was sie am Ende des Films fragen und sagen. Viele Leute hat der Film berührt, und das ist das Wichtige. Der Film wurde unter anderem auch in London auf dem „Global Summit to end sexual violence in conflict“ gezeigt, den Angelina Jolie organisiert hat, die diesen Film auch sehr unterstützt hat. Ein Film ist ein Dokument über die Zeit und den Raum, in dem wir leben.

Wie sind Sie auf das Thema der verschwiegenen Kriegsverbrechen und Kym Vercoe gekommen, die sich im Film selbst spielt?

Kym Vercoe ist selbst durch Bosnien-Herzegowina gereist. Was ihr im Film widerfährt, basiert tatsächlich auf ihrer wahren Geschichte. Sie war zufällig im Vilina Vlas-Hotel im ostbosnischen Višegrad und entdeckte erst später, welche Gräuel dort im Bosnienkrieg passiert waren. Aufgrund dessen machte sie ein Bühnenstück, das ich gesehen habe. Ich habe Kym eingeladen und sie gefragt, ob sie mit mir einen Film machen und sich in dem Film selber spielen wollte.

Sie konzentrieren sich auch weiterhin auf die Themen des Kriegs und der Vergangenheit. Wie sehr kann Vergangenheitsforschung und das Aufrühren alter Wunden zu einer besseren und friedlicheren Zukunft beitragen? Was für eine Gegenwart entspringt solch blutigen Fundamenten?

Ich habe keinen einzigen Kriegsfilm gedreht. Ich habe drei Filme gemacht, die über den Frieden und das Leben nach dem Krieg erzählen. Aber unsere Leben sind stark von Gefühlen aus dem Krieg und der Vergangenheit geprägt und wir wissen noch immer nicht, wie wir damit umgehen sollen.

Gibt es Situationen, in denen man einfach gar nichts tun kann?


Man kann immer etwas tun und Kym zeigt das. Sogar, wenn eine Aktion klein und sinnlos scheint, ist sie doch wichtig. Das gilt besonders jetzt, wo in Bosnien-Herzegowina die Proteste und Veränderungen begonnen haben. Man muss sich fragen, was man selbst getan hat, um etwas zu ändern.

Sie waren während der Proteste sehr  engagiert und stimmgewaltig. Planen Sie, dieses Engagement fortzusetzen und was bedeutet sozialer Aktivismus für Sie persönlich?


Sozialer Aktivismus ist mein Recht und meine Pflicht, denn ich lebe in einer Gesellschaft, in der man viele Dinge verändern muss. Wir verdienen eine bessere Gesundheit, sozialen Schutz, Bildung, Kultur und Kunst. Darum zeige ich laut meine Unzufriedenheit. Menschen, die schweigen oder nicht aktiv werden, haben offensichtlich keine Probleme.

Wie ist die Zusammenarbeit mit den Kollegen aus Österreich?

Die drei Filme, die ich gemacht habe, wurden von Österreich unterstützt. Ich habe auch langjährige österreichische Partner, mit denen ich zusammenarbeite, z.B. Christine A. Maier, eine Kamerafrau aus Graz, die jetzt in Berlin lebt. Sie hat meine vier Spielfilme und viele Kurzfilme gemacht, die Cutterin Niki Mossböck zwei Filme. Ich glaube, dass wir kulturell sehr ähnlich sind. Die Unterschiede sind sicher etwas, das uns die Möglichkeit gibt, voneinander zu lernen.

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