INTERVIEW 08.04.2015

„Roma werden in Österreich diskriminiert“

© Foto: Parlamentsdirektion / Bildagentur Zolles KG / Leo Hagen
Usnija Buligović ist Leiterin des Projekts THARA der Volkshilfe Österreich, das Roma und Sinti auf dem Arbeitsmarkt unterstützt. Anlässlich des Internationalen Tags der Roma am 8. April trafen wir zum Gespräch über die Lage der Roma in Österreich und am Balkan.

Wie ist das Bild der Roma und Sinti in der österreichischen Öffentlichkeit?

Roma und Sinti erleben in Österreich, wie in fast allen anderen Gesellschaften, eine enorme Diskriminierung. Es gibt viele Klischees und Vorurteile, etwa, dass alle Roma stehlen, schmutzig sind, betteln etc. Das führt dazu, dass viele Roma ihre Identität verstecken. In Österreich ist noch viel Aufklärungsarbeit notwendig. Im zweiten Weltkrieg wurden 90 Prozent der hier lebenden Roma getötet. Österreich trägt daher eine besonders große Verantwortung gegenüber den Roma.

Das Projekt Thara der Volkshilfe Österreich versucht, Roma auf dem Arbeitsmarkt zu unterstützen. Welche Probleme gibt es hier?

Es gibt sehr viele Probleme. Die enorme Armut und die sehr geringe Bildung sorgen dafür, dass viele Roma in einem Teufelskreis feststecken. Wer ständig ums Überleben kämpft,  hat leider nicht unbedingt die Bildung als oberste Priorität.

Welche Unterstützung geben Sie bei Thara?

Unser Fokus liegt auf der Berufs- und Bildungsberatung. Wir beraten Roma rund um die Fragen der  Bildung, der Weiterbildung und Arbeit. Ein weiterer Punkt ist unsere Jobbörse,  über die wir fast täglich die aktuelle Job-Angebote inserieren. Unsere Klienten  bekommen auch Unterstützung  beim Erstellen von Bewerbungsunterlagen und der Suche nach geeigneten Deutschkursen. Durch die digitale Entwicklung bleiben viele Leute auf der Strecke. Wir haben Klienten, die zwar Internet am Handy haben, aber keinen Computer, an dem sie Bewerbungen schreiben können. Viele wissen nicht, was ein PDF-Dokument ist oder haben keinen E-Mail-Account. Früher konnte man einfach in die Firmen gehen und sich bewerben, heute ist das kaum mehr möglich.

Sie haben an der Ausstellung „Romane Thana - Orte der Roma und Sinti“, die  noch bis 17. Mai im Wien Museum läuft, mitgearbeitet. Wie haben Roma Wien geprägt?


Ich habe mich damit beschäftigt, wie zugewanderte Roma Wien geprägt haben. Es dauerte lange, bis man überhaupt thematisierte, dass mit Roma in Österreich nicht nur dir burgenländischen, autochthonen Roma gemeint sind, sondern auch Zuwanderer. Mit der ersten Gastarbeiterwelle kamen viele Roma aus Jugoslawien nach Österreich. Aber sie wurden hierzulande einfach als Jugoslawen gehandelt, und haben ihre Roma-Identität zum Teil versteckt. Das war für sie zum ersten Mal eine Chance, „gleichwertig“ behandelt zu werden. Das führte aber auch dazu, dass sie nicht sichtbar waren und auch ihre Leistungen als Gastarbeiter nicht gesehen wurden. Sie haben, wie alle Gastarbeiter vom Balkan, einen großen Beitrag zu Österreichs Wohlstand geleistet.

Vor kurzem jährte sich das Sprengstoffattentat in Oberwart zum 20. Mal. Was hat sich an der Situation der Roma seit 1995 geändert?


Nachdem ich selbst erst seit 15 Jahren in Österreich lebe, kann ich nicht aus eigener Erfahrung sprechen. Aber soweit ich weiß, hat sich besonders im Burgenland viel geändert. Roma-Kinder werden dort nicht mehr automatisch in die Sonderschule geschickt. Es wurde viel in Bildungsprojekte und Lernhilfe investiert. Heute haben wir im Burgenland eine Generation von gebildeten und erfolgreichen jungen Roma. Das war ein sehr wichtiger historischer Moment. Jahrelang wurde nicht über die Verbrechen an den Roma im Zweiten Weltkrieg gesprochen. Nach diesem Attentat kamen sie verstärkt  ins öffentliche Bewusstsein.

Sie selbst stammen aus Serbien. Wie ist die Lage der Roma am Balkan?

In Serbien sind 40 Prozent der Bürger von Armut betroffen. Da kann man sich vorstellen, wie es den Schwächsten geht. Dort gab es die sogenannte „Dekade der Roma“ von 2005 bis 2015. Sie ist umstritten, aber es gab einige sehr erfolgreiche Projekte. Es gibt mittlerweile eine kleine „Elite“ von Roma, die hochgebildet sind, studiert haben und – was besonders bemerkenswert ist – sich auch als Roma deklarieren. Oft haben wir erfolgreiche Roma, die sich von ihrer Herkunft distanzieren, was sehr schade ist.

Was müsste noch geschehen, um die Situation der Roma zu verbessern?

Es ist noch eine Menge Aufklärungsarbeit nötig. Im Bericht des Romano Centro sieht man, dass wir immer noch sehr diskriminiert sind. Hier braucht der Staat eine Strategie, um den Antiziganismus  abzuwehren. Um Chancengleichheit zu ermöglichen, müssen  mehr  finanzielle Mittel zur Förderung spezifischen  Maßnahmen in allen Bereichen zu Verfügung gestellt werden. Und es ist wichtig, dass Roma von Anfang an in diese Maßnahmen  einbezogen werden.  Außerdem, kann ich mir die Gründung eines  Roma-Zentrums,  dass alle Roma-Vereine nutzen können und das gleichzeitig eine Anlaufstelle für die Roma-Fragen  ist, sehr gut vorstellen. Wir brauchen die Selbstvertretung in allen Bereichen, Z.B. durch den Einsatz von Roma Mediatoren. Und auf  politischer Ebene wäre die Installierung von Roma-Beauftragten sinnvoll.

Interview: Ljubiša Buzić / KOSMO

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