GESCHICHTE 18.04.2014

„Princip war weder Held noch Meuchelmörder“

© zVg.
Der Historiker Wolfgang Rohrbach untersucht die österreichisch-serbischen Beziehungen.


Univ. Prof. DDr. Wolfgang Rohrbach ist Slawist, Ökonom und Historiker, der an österreichischen, serbischen, bosnischen und ungarischen Universitäten lehrt. Er ist unter anderem Verfasser des Buchs „Auf den Spuren der Serben Österreichs“.

KOSMO: Sie haben einen typisch österreichischen Namen – sind viele überrascht, wenn sie plötzlich anfangen, perfekt Serbisch zu sprechen?

Wolfgang Rohrbach: Heute nicht mehr. Aber früher waren viele überrascht. Nach dem zweiten Weltkrieg war ich in Wien einer der ersten, der aus einer österreichisch-serbischen Ehe zur Welt kam. Mein Großvater war ein slawenfreudlicher k.u.k.-Offizier. Als er im ersten Weltkrieg in Serbien in Kriegsgefangenschaft kam, rettete der serbische Lageraufseher ihm das Leben. Nach Kriegsende übersiedelte mein Großvater mit seiner Familie nach Serbien und gründete dort mit seinem ehemaligen Aufseher eine Firma. Ich selbst kam erst nach 1945 in Österreich zur Welt, nachdem die Familie nach Wien gezogen war.

In Wien wird der Begriff „Tschusch“ als Schimpfwort für Menschen slawischer Herkunft verwendet. Die meisten sind sich seiner ursprünglichen Bedeutung gar nicht bewusst…

Der Begriff besitzt zwei historische Wurzeln: Im Orient war es ein Wort, um Esel anzutreiben. Als ich im Rahmen meines Slawistik-Studiums (alt-)österreichische Familien kennenlernte, deren Zuname Tschusch lautete, bin ich der Sache nachgegangen und auf eine interessante zweite Spur gestoßen: An der Krajina, der Militärgrenze der Monarchie, wurden Serben seit dem 16./17. Jahrhundert als Wehrbauern eingesetzt. Tag und Nacht mussten sie die Grenzen bewachen. Wenn sie ein Geräusch hörten, riefen sie einender zu „Čuješ“ – das heißt „Hörst du“. Die Österreicher haben das als Tschusch verstanden und als Bezeichnung für diese Wächter genommen.

Was viele heute nicht wissen: Die Serben waren unter Maria Theresia privilegiert, sie hatten das Recht Bücher in serbischer Sprache in Österreich herauszugeben. Wie kam es dazu?

Abgesehen von den serbischen Wächtern in der Krajina unterhielt der Kaiserhof in Wien Beziehungen zu vielen vornehmen, adeligen Serben in Wien – Priestern, Handelstreibenden etc., denen man auch die Möglichkeit bieten wollte, ihre Religion und Schriftsprache zu pflegen. So kam unter Maria Theresia ein Privileg zustande, dass den Serben genehmigte, Bücher in kyrillischer Schrift in Wien zu drucken. 1791 wurde die erste serbische Zeitung in Wien konzipiert, die aber nur kurz existierte.  Erst Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden, nach dem Vorbil der Wiener Zeitung, die Serpske novine. Auch der junge Redakteur Vuk Stefanović Karadžić hat dort seine ersten Artikel geschrieben und danach auch begonnen, sein Wörterbuch und seine Grammatik der serbischen Sprache zu entwickeln. Man kann sagen, Wien war das kulturelle Zentrum der Serben seit mitte des 18. Jahrhunderts.

Wann hat sich dieses Verhältnis geändert?

Im 18. Jahrhundert gab es noch eine multikulturelle Gesellschaft, die nur Sprachnationen kannte. Mit der Zeit der napoleonischen Kriege entstand dann der Nationalismus politischer Prägung und in seiner krassesten Form der Chauvinismus. Diese Ideen wurden von den deutschen Staaten übernommen und auch bei den Slawen entstand die Idee des Panslawismus. Als nach einem Putsch in Serbien Petar Karadjordjević an die Macht kam, wurde das Land stark an Russland orientiert. Das Klima zwischen Österreich und Serbien verschlechterte sich abrupt. Dazu kam die Annexion Bosnien-Herzegowinas von 1908, eine von Österreichs Politikern unglaublich ungeschickt als imperiale kolonialistische Aktion durchgeführte Angelegenheit, die die Kriegsstimmung in Europa anheizte.

Heuer wird des hundertsten Jahrestags des Ersten Weltkriegs gedacht. Welche Bedeutung hat das Sarajevo-Attentat aus historischer Sicht?

Aus historischer Sicht war es das auslösende Moment, aber nicht der Grund für den Ersten Weltkrieg. Die Kriegsvorbereitungen waren bereits vor dem Attentat voll im Gange. Man wusste, dass ein Vorwand gesucht wurde, um den Krieg zu beginnen. Das Attentat an Franz Ferdinand war auch nicht das erste der serbischen Geheimorganisation „Schwarze Hand“. Schuld an dem Krieg trugen sicher beide Seiten.

Wie betrachtet man Gavrilo Prinzip im heutigen Serbien?

Die Meinungen sind geteilt. Es gibt noch immer viele Chauvinisten, ebenso wie in anderen Ländern, die immer solche Attentäter als Helden glorifizieren. Der Chauvinismus sucht ja stets die Schuld beim anderen, ein Attentat ist dann eine Heldentat. Aber in Wahrheit sind die Attentäter (vor allem Jugendliche) in der Geschichte immer nur Werkzeuge der Politik gewesen – das gibt es auch heute noch. Der größere Teil - zumindest der jungen Serben - sieht heute in Princip nicht den Meuchelmörder aber auch nicht den Helden.

Wie sehen Sie die Beziehungen zwischen Österreich und Serbien heute?

Mit der Demokratisierung in Serbien hat Österreich wieder mehr Kontakte zu Serbien aufgenommen. In den letzten Jahren ist eine von Freundschaft und Kooperation geprägte Partnerschaft zwischen Serbien und Österreich entstanden. Die Österreicher sind Fürsprecher für Serbien in der EU, die katholische Kirche arbeitet mit der serbisch-orthodoxen zusammen – die Neulerchenfelder Kirche in Wien wurde der serbischen Gemeinde geschenkt. Das sind deutliche Zeichen der Annäherung. Aber man muss darauf achten, dass das hundertjährige Gedenken nicht von Ewiggestrigen missbraucht wird, um wieder Zwist zu verbreiten.

Es gibt Bestrebungen, dass Serben den Status einer anerkannten Minderheit in Österreich bekommen sollten...

Ja, ich war selbst einer der Initiatoren. Die gesetzlichen Voraussetzungen wären auch für Serben vorahanden. Seit 1860 gibt es eine ohne Unterbrechung existierende serbsiche Institution in Österrich, nämlich die serbisch orthodoxe Kirchengemeinschaft. Gescheitert ist das Minderheitenprojekt bisher an den unterschiedlichen Interessen der Serben selbst. Ich bin damals durch die Kulturvereine gezogen und wollte eine Unterschriftensammlung machen, aber viele wollten nicht mit den jeweils anderen kooperieren. Die Differenzen waren religiös gegen atheistisch, chauvinistisch gegen demokratisch, multikulturell gegen nationalistisch. Aber die Jüngeren sind da schon viel weiter. Ich unterrichte jetzt seit zehn Jahren in Serbien. Bei den Jungen findet gerade eine Emanzipierung statt.

Interview: Ljubiša Buzić / KOSMO

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