INTERVIEW: CHRISTIAN OXONITSCH 18.06.2015

Oxonitsch gegen Ghetto-Klassen

© KOSMO / Radule Božinović
Nach dem Vorstoß von Integrationsminister Sebastian Kurz, separate Deutschklassen für Migrantenkinder einzurichten (von vielen als „Ghetto-Klassen“ kritisiert), sprach KOSMO mit Christian Oxonitsch, Stadtrat für Bildung, Jugend, Information und Sport der Stadt Wien.

KOSMO: Wien war heuer der Gastgeben des Eurovision Song Contests. Ihre Eindrücke?

Christian Oxonitsch: Es war ein Erfolg für alle Beteiligten: sowohl für die Stadt als auch für alle, die dieses Event verfolgten. Wir hatten über 197 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer sowie eine Rekordzahl an Journalisten und teilnehmenden Ländern. Auch die Reaktionen zeigen, wie dieser Songcontest seinen hochgesteckten Zielen gerecht geworden ist. Was uns sehr wichtig war: Es ist alles friedlich und sicher verlaufen.

Wien hat ein Nachhilfe-Projekt für Schüler gestartet. Welche Bilanz ziehen Sie am Ende des Schuljahres?

Trotz viel Skepsis hat sich mittlerweile gezeigt, dass dieses Projekt hervorragend funktioniert hat. Es wurde von Kindern freudig in Anspruch genommen, sowohl in der Volksschule als auch in der Sekundarstufe eins. Viele Eltern sind nicht in der Lage, Nachhilfe für ihre Kinder zu finanzieren. Diese Kinder haben sich auf die Hilfe besonders gefreut. Wir haben es aber auch administrativ gut bewältigt, alleine bei den Volkshochschulen wurden mehr als 1.000 zusätzliche Kurse angeboten.

Wie haben Migrantenkinder die Nachhilfe in Anspruch genommen?


Wir haben das nicht speziell erhoben. Für uns war das Wesentliche, dieses Angebot für all jene zu schaffen, deren Eltern sich die Nachhilfe nicht leisten können, bzw. für die Kinder, die Gefahr laufen, nicht zu einem ordentlichen Schulabschluss zu kommen.

Was sagen Sie zum Vorschlag von Sebastian Kurz, separate Klassen für Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache zu schaffen?

Ich wäre froh, wenn gerade in dieser angespannten Situation im Bereich Asyl und Zuwanderung der Außenminister keine Kommentare zu Sachen abgibt, bei denen er sich offenbar nicht auskennt. Für uns war immer wesentlich, optimale Sprachförderung, beginnend im Kindergarten, zu leisten. Sprache lernt man durch zusätzliche Förderung, aber vor allem im Dialog und im Klassenzimmer. Mir ist bei dieser Frage immer ein gemeinsames Miteinander wichtig. Vorschulklassen, Nachhilfeprogramme sowie zusätzliche Fördermaßnahmen zum Deutschlernen existieren bereits in der Stadt Wien.

Separate Klassen wird es in Wien also nicht geben?

Schon nach den Zahlen muss man sich fragen, wie so etwas funktionieren sollte. Eine Sprache muss man sprechen. Das kann ich nur machen, wenn ich Ansprechpartner habe, die gut Deutsch sprechen.

Immer noch besuchen zu wenig Migrantenkinder die weiterführenden Schulen. Wie kann man das ändern?

Unser Integrationsmonitor zeigt: Der Aufstieg von Zuwandererkindern funktioniert mittlerweile gut, insbesondere bei berufsbildenden höheren Schulen. Gerade bei solchen Kindern sehen wir, dass sie entgegen dem öffentlichen Bild bildungshungrig sind.

Einige Schulexperten wie Heidi Schrodt sagen auch, das österreichische Schulsystem sei immer noch monokulturell ausgerichtet. Ist die Wiener Schule für das Miteinander bereit?

Ich habe mit vielen Schulexperten u.a. mit Heidi Schrodt in der Grundanalyse der Schwächen des österreichischen Schulsystems große Übereinstimmungen. Das österreichische Bildungssystem vererbt immer noch zu oft Bildungsbiografien. Das ist aber unabhängig von den Fragen der Herkunft und Zuwanderung zu betrachten. Soziale Unterschiede werden durch unser Bildungssystem nicht ausgeglichen, ganz egal woher die Menschen kommen.

Der Bund hat die größte Ausbauoffensive im Kindergartenbereich gestartet. Was wird man davon in Wien spüren?

Wien bekommt zusätzliches Geld für diese Offensive. Wir freuen uns, dass sich der Bund jetzt in diesem Bereich verstärkt engagiert, denn er hat hier viel nachzuholen: Denken Sie nur daran, dass die ÖVP-FPÖ-Koalition seinerzeit die Kindergartenmilliarde gestrichen hat. Wir bauen im Jahr rund 3.000 Kindergartenplätze, der Bund steuert dazu mit rund 10 Prozent bei. Wir investieren beispielsweise rund 6.000 Euro pro Kind und Jahr, vom Bund kommen dann zusätzlich 900 Euro.

Interview: Nedad Memić / KOSMO

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