INTERVIEW 29.10.2013

Nurten Yilmaz: „Ich werbe in drei Sprachen“

© KOSMO / Radule Božinović
Am 29. Oktober tritt das österreichische Parlament erstmals zusammen. KOSMO traf zwei neue Abgeordnete mit Migrationshintergrund zum Interview. Teil 1: Nurten Yilmaz (SPÖ) sprach mit uns über den Stimmverlust der Großparteien, migrantische Communitiys und Wahlkampf in den Sprachen der Zuwanderer.


KOSMO: Haben Sie die Wahlergebnisse der SPÖ überrascht?

Nurten Yilmaz: Ich habe ein besseres Ergebnis erwartet. Viele ehemalige SPÖ-Wähler haben diesmal nicht gewählt. In Wien sehe ich zum Beispiel kein leicht zu interpretierendes Muster, in manchen Bezirken hat die FPÖ verloren, die Grünen haben wiederum zugelegt. Was schon überrascht, ist der Aufstieg von NEOS dank der ÖVP- und Grünenstimmen sowie das FPÖ-Ergebnis in der Steiermark.

Warum verlieren die sog. Großkoalition immer mehr Stimmen, und die FPÖ legt zu?

Wir haben nicht alle Leute erreichen können. Die FPÖ haben vorwiegend ältere und abgesicherte Männer gewählt. Ich glaube, die Unzufriedenheit in Österreich gleich sich an europäische Verhältnisse an. Die Großparteien verlieren überall. In der Gesellschaft gibt es immer noch sehr viele Menschen, die den Anschluss nicht schaffen und vom Wohlstand nicht profitieren.

Wie muss dann die Politik bei diesen Menschen ankommen?

Die Politik muss sich mehr um persönliche Gespräche mit Bürgern bemühen. Über Medien erreicht man nicht wirklich die Herzen der Menschen. Unsere SPÖ-Hausbesuche waren erfolgreich. Wir Politiker müssen für Menschen ständig erreichbar sein.

Die FPÖ hat einen prominenten Politiker, das ist Herr Strache. Er scheint aber trotzdem außergewöhnlich viele Menschen zu erreichen.

Das haben die Populisten an sich. Dieses Muster kennen wir von anderen europäischen Populisten – sie geben einfache Antworten auf komplizierte Fragen. Das ist leicht und zieht leider viele an!

Die SPÖ hat ethnische Communitys angesprochen, mit Kandidatinnen und Kandidaten, die kein konkretes Programm gehabt haben.

Ich kann das nicht sagen. Man müsste alle SPÖ-Kandidaten vergleichen, um zu sagen, dass gerade die Zuwandererkandidaten wenig zu sagen hatten. Die SPÖ kümmert sich seit Langem um diese Communitys.

Aber es gibt trotzdem zu wenig gute migrantische Kandidaten in der SPÖ, insbesondere aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens.

Man kann nur besser werden. Ich sehe selbst, dass bestimmte Communitys bei uns nicht ausreichend repräsentiert. In den Wiener SPÖ-Bezirksorganisationen gibt es bereits gute junge Leute, im 5. Bezirk wirkt  der junge Genosse mit bosnischem Hintergrund Ahmed Husagić, für den ich große Chancen in der SPÖ sehe.

Sollte man einen Wahlkampf in Zuwanderersprachen führen?

Auch! Ich bin sehr dafür, dass man die Menschen in der Sprache des Herzens anspricht.

Kanzler Faymann hat aber gesagt, für ihn gilt nur Deutsch...

Für mich gilt beides! Meine Erstsprache ist Türkisch, viele unsere Wählerinnen und Wähler schreiben mir auf Türkisch oder gemischt in Deutsch und Türkisch. Deutsch ist wichtig, aber Emotion ist genauso wichtig. Ich habe Flyers in drei Sprachen gehabt: Deutsch, Türkisch und Bosnisch/Kroatisch/Serbisch.

Was müssen die SPÖ-Topprioritäten im neuen Regierungsmandat sein?

Die grundlegende Bildungsreform mit einer Gesamtschule hat Priorität.

Wo darf die SPÖ in der Bildungsfrage nicht nachgeben?

Es ist schon vieles erreicht: Die Gesamtschule muss zum System werden, da dürfen wir nicht nachgeben. Auch der Ausbau der Kindergärten in den Bundesländern muss eine Pflicht sein!

Der 29. Oktober ist der Tag der Angelobung im Parlament. Was ist deine erste Aufgabe als Nationalratsabgeordnete?

Ich werde ab Mitte Jänner bis Mai nächsten Jahres die Bundesländer besuchen, samt allen ethnischen Communitys und deren Dachverbänden.

Eine Frau, Migrantin, Politikerin – ist es schwer in Österreich?

Diese Kombination ist überall schwer, nicht nur in Österreich! Ich werde mich immer gegen Diskriminierung wehren. Ich habe es aber nicht schwer gehabt. Man muss aber kämpfen!

Interview: Nedad Memić

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