INTERVIEW: MICHAEL LUDWIG 01.09.2014

„Nicht nur neben-, sondern miteinander leben“

© KOSMO / Radule Božinović
Michael Ludwig (SPÖ) ist Wiener Stadtrat für Wohnen, Wohnbau und Stadterneuerung und ehemaliger zweiter Vizebürgermeister von Wien. Mit ihm sprachen wir über Wohnspekulanten, Mieterrechte und das Zusammenleben im Gemeindebau.


KOSMO: Wie gut wohnt man in Wien?

Michael Ludwig: Der Wiener Wohnbau ist international sehr geschätzt, weil man in Wien tatsächlich gut wohnt. In der letzten Zeit haben viele internationale Medien wie die FAZ, NZZ, Süddeutsche, New York Times aber auch die ARD oder das ZDF sehr positiv über uns berichtet. Wir sind in Europa in einer sehr guten Position – das ist das Resultat einer kontinuierlich entwickelnden Wohnbaupolitik. Wien hat ein sehr großes Bevölkerungswachstum, wir sind jetzt schon die zweitgrößte Stadt im deutschsprachigen Raum und haben mehr Studenten als jede andere deutschsprachige Stadt. Das erfordert große Anstrengungen, sowohl im Wohn- als auch im Infrastrukturbau.

Im Wiener Wohnbau gibt es aber auch Probleme. In den letzten Wochen ist eine Spekulationsdebatte um den Fall der Pizzeria Anarchia entbrannt. Welchen Mieterschutz leistet dabei die Stadt Wien?

Wir haben ein sehr dichtes Netz an Mieterhilfe. In den 1970er und 1980er Jahren gab es eine flächendeckende Spekulation im Wohnbereich. Das ist eingedämmt. Was wir jetzt haben, sind Einzelfälle, also rund 30 bis 40 Objekte in ganz Wien, die einen Spekulationshintergrund haben. Diese Fälle beobachten wir genau. In meinem Ressort gibt es eine kostenlose Mieterhilfe, die Gebietsbetreuung aber auch einen Rechtshilfefonds. Auch im Fall der Mühlfeldgasse haben wir die Mieter gegen den Hauseigentümer unterstützt. Wenn Mieter das Gefühl haben, sie werden ungerecht behandelt, bieten wir ihnen einen kostenlosen Mietzins- und Betriebskostenrechner. Man kann sich ebenfalls an die Schlichtungsstelle wenden, wenn man das Gefühl hat, man zahlt einen zu hohen Mietzins.

Viele Mieter fürchten sich, gegen Hauseigentümer bzw. Vermieter vorzugehen...

Sie sollen sich nicht fürchten! Wir treten mit aller Macht für die Mieter ein. Mit unserem umfassenden Einsatz mit Juristen, Mietrechtsexperten und der Gebietsbetreuung Stadterneuerung sind wir eine gute Anlaufstelle für alle Mieter.

2012 gab es in Wien noch 39.000 Substandard-Wohnungen ohne Fließwasser und Klo. in Ihrem Mandat wurde sehr viel in die Sanierung investiert...

Heuer begehen wir das vierzigste Jubiläum der Stadterneuerung bzw. Gebietsbetreuung in Wien. Wir haben in den 1970er Jahren noch 43 Prozent der Substandard-Wohnungen gehabt. Jetzt haben wir nur rund 3 Prozent. Wir in Wien sind bekannt für die sogenannte sanfte Stadterneuerung, also für unseren sozialen Gedanken im Wohnbau. Wir stellen die Sanierungsmittel für private Hauseigentümer zur Verfügung, mit der Verpflichtung, dass sie in den nächsten zehn bis 15 Jahren ihre Mieter nicht belasten. So verlangsamen wir den Gentrifizierungsprozess deutlich, alles mit der Absicht, eine gesunde soziale Durchmischung in Wien aufrecht zu erhalten.

Welche Stadtgebiete werden momentan intensiv saniert?


Das sind in erster Linie die Blocksanierungsgebiete. Dort sanieren wir zehn bis fünfzehn Häuserblocks gleichzeitig und verbessern dabei die gesamte Infrastruktur im Grätzel, z.B. am Westgürtel oder im Sonnwendviertel neben dem Hauptbahnhof. Dort bauen wir tausende neue Wohnungen samt Schule und Campus. Da es gleich daneben auch ein relativ abgewohntes Altbauviertel gibt, haben wir ein Stadtteilmanagement eingerichtet und sanieren dieses Viertel parallel mit dem Neubau, der dort entsteht. So bringen wir neue mit alten Einwohnern in Innerfavoriten zusammen.

Ihnen geht es sehr viel ums Zusammenleben im Gemeindebau. Womit sind die Mieter am meisten und womit am wenigsten zufrieden?

Die Wohnzufriedenheit in Wien ist eine sehr hohe. Als Hauptkritikpunkt haben wir den Umstand, dass sich einige wenige Personen gegen die Gemeinschaft stellen: Entweder sind sie zu laut oder tragen stark zur Verschmutzung der Anlage bei. Die Wohnpartner versuchen bei Konflikten zu vermitteln und die Nachbarschaftsbildung zu stärken. Die Wohnpartner kommen aus 19 Nationen und sprechen ebensoviele Sprachen. Dieses Modell haben wir in viele österreichischen und europäische Städte erfolgreich exportiert. Dazu haben wir Ordnungsberater, die in der Lage sind, Organmandate zu verhängen. So konnten wir bisher viele Konflikte im Gemeindebau minimieren.

Die Wiener Wohnhausanlagen sind unglaublich vielfältig wie die Stadt selbst. Wie fördern Sie das Miteinander von verschiedenen Kulturen im Gemeindebau?

Mir ist wichtig, dass Menschen nicht nur neben-, sondern miteinander leben. Wir haben dazu verschiedene wohnpartner-Projekte: Gemeinschaftsgärten, Gemeindebaufeste usw. Eine Anlage im Gemeindebau im 10. Bezirk hat z.B. kürzlich entschieden, Graffiti von der Fassade zu beseitigen. Alle Bewohner haben mitgeholfen, am Ende wurde ein interkulturelles Fest organisiert, an dem alle Mieter zum ersten Mal zusammengekommen sind. Uns ist auch deshalb eine Mietermitbestimmung so wichtig, z.B. durch ehrenamtliche Mieterbeiräte. Dort und auch in unserem ganzen Ressort arbeiten viele Zuwanderer.

Viele Menschen in Wien sind an einer geförderten Wohnung interessiert. An wen sollen sie sich zuerst wenden?

Es gibt zwei Möglichkeiten: das Wohnservice Wien mit dem kompletten Überblick über geförderte Wohnungen in Wien und mit transparenten Vergabekriterien einerseits und die Wohnbauträger andererseits. Man kann sich durchaus bei beiden Stellen anmelden.

Nedad Memić / KOSMO

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