BLOG 09.06.2015

Nationalistische Migranten

© zVg.
Unser Blogger Manuel Maki Bahrer kennt die Wiener Ex-Yu-Szene so gut wie kaum ein Österreicher. Mit den oftmals nationalistischen Codes und Symbolen unserer Landsleute kommt er aber nicht immer zurecht.

Šahovnice, Grbovi & Co

Es vergeht wohl kein Tag, an dem man durch die Straßen Wiens schlendert, in den Öffis oder im Kaffeehaus sitzt, und keiner meiner Mitbürger mit der kroatischen Šahovnica, dem serbischen Grb, einem Halbmond oder ähnlichem an mir vorbeiläuft. Auf der anderen Seite sehe so gut wie nie jemanden mit einem österreichischen Pendant. Sind wir Österreicher weniger patriotisch, oder gar unsere migrantischen Mitbürger zu sehr?

Um eines gleich vorweg zu nehmen, ich glaube auf keinen Fall, dass wir Österreicher weniger stolz auf unser Land sind, ganz im Gegenteil. Ich denke aber, dass wir Österreicher aufgrund der Landesgeschichte, sowie der politischen Einstellung einiger Parteien einfach vermeiden wollen, mit der rechten Szene in Verbindung gebracht zu werden. Selbst ohne die „dunkle Vergangenheit“ Österreichs würde ich nie das Bedürfnis empfinden, einen Österreich-Trainingsanzug zu tragen. Daher stellt sich mir persönlich die Frage, warum meine migrantischen „Mit-Wiener“ solche Kleidung stolz, offen und oftmals auch plakativ zur Schau stellen?

Abgrenzung, Trotz oder berechtigte Reaktion?

Ich möchte bei Gott niemandem verbieten, sich als Kroate, Serbe, Türke, Chinese oder was auch immer zu fühlen. Jeder sollte stolz auf seine Wurzeln sein, nur dies ist meiner Meinung nach nicht notwendigerweise damit verbunden, seine Herkunft öffentlich und plakativ zur Schau zu stellen. Wir möchten doch allen in der schönen Hauptstadt ohne Angst, Diskriminierung, frei und - für mich eigentlich noch wichtiger - harmonisch und gleichgestellt leben können.

Oftmals bewirken solche Aufdruck-Shirts und Trainingsanzüge bei vielen genau das Gegenteil, nämlich das Gefühl von Trotz oder beabsichtigter Abgrenzung bzw. Unterstreichung der eigenen Herkunft. Womöglich haben sich einige der Träger noch keine Gedanken darüber gemacht, wie diese nationalen Symbole auf andere Menschen wirken, bzw. sollten sich viele zuerst über die Herkunft diverser Flaggen, Sprüche, Zeichen und anderem informieren. Dinge, die meiner Meinung nach im 21. Jahrhundert und schon gar im multikulturellen Wien nicht notwendig sind.

Stolzer Patrioten, die ihr Land nicht kennen

Zusätzlich finde ich es schlimm, dass viele der Jugendlichen in Wien von ihren Eltern nur unzureichend über die Geschichte ihres Herkunftslandes aufgeklärt sind und im „Scherz“ Sprüche wie „Za dom spremni!“ loslassen, oder auf Facebook dem Kriegsverbrecher Ratko Mladić mit „moj srpski heroj, srećan rođendan“ zum Geburtstag gratulieren, während im Facebook-Profil gleichzeitig ein bosniakischer Schulkamerad als „Bruder“ angegeben wird.

Leibchen, Trainingsanzüge und ähnliches sind nicht das Problem, sondern vielmehr das Ergebnis von Unzufriedenheit, unzureichender Sensibilisierung für das Thema Nationalismus und ausbaufähiger gegenseitiger Akzeptanz aller Bürger Wiens. Zum Abschluss möchte ich gerne einen Satz zitieren, welcher zum Nachdenken angeregt hat: „Patriotismus ist Nationalismus, der keinem weh tut!“

Manuel Maki Bahrer / KOSMO

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