FILM 23.04.2014

Nabersnik: "Meine Geschichten leben von den Emotionen"

Am Freitag wird bei den Slowenischen Filmtagen (25. bis 27. April 2014) in der Wiener Urania der Film „SHANGHAI GYPSY“ präsentiert. Zwei Tage vor der Wien-Premiere sprachen wir mit dem Regisseur Marko Naberšnik über den Film, seinen eigenen Stil und österreichisch-slowenische Koproduktionen.

KOSMO: Wo sehen Sie das slowenische Kino zurzeit? Lassen sich aktuelle Trends erkennen?

Die Filme, die in Wien zu sehen sein werden, wurden allesamt von jungen Regisseuren gedreht. Seit der Unabhängigkeit Sloweniens fühlt sich das slowenische Publikum zudem sehr mit dem slowenischen Kino verbunden. Jedes Jahr sind somit auch einige slowenische Filme neben den großen amerikanischen Produktionen im Kino erfolgreich. Das einzige womit wir zu kämpfen haben ist, dass die Produktionsbudgets aufgrund der Wirtschaftskrise um einiges geringer geworden sind.

Aber SHANGHAI GYPSY aus dem Jahr 2012 ist im Gegensatz dazu die teuerste slowenische Produktion aller Zeiten. Wie passt das zusammen?

Ja, weil SHANGHAI GYPSY bereits vor der Krise finanziert wurde. Es hat insgesamt drei Jahre lang gedauert, bis der Film fertig war. Innerhalb der letzten vier Jahre hat sich aber vieles verändert.

Wie würden Sie Ihren Stil, Ihre Philosophie des Filmemachens beschreiben?

Ich sehe mich selbst als einen Geschichtenerzähler. Was ich an Filmen mag, sind Geschichten mit Emotionen. Und SHANGHAI GYPSY ist ein Film voller Emotionen. Es ist eine Familiengeschichte und eine Geschichte über Freundschaft. Aber gleichzeitig ist es auch ein Film über das ehemalige Jugoslawien. Wenn ich eine Geschichte finde, von der ich glaube, dass Emotion in ihr steckt, dann entscheide ich mich einen Film darüber zu machen.

Auch in Ihrem ersten Film ROOSTER’S BREAKFAST waren Liebesdrama und Geschichte des Landes eng miteinander verbunden. Welche Bedeutung hat das ehemalige Jugoslawien für Ihr Filmschaffen?

Die Geschichte Jugoslawiens ist überall nach wie vor sehr präsent. Noch heute ist die slowenische Politik aufgrund dieses Teils unserer Geschichte gespalten. Ich war 18 Jahre alt, als das Land auseinander fiel. Meine ganze Jugend war mit Jugoslawien verbunden.

Sie haben in SHANGHAI GYPSY mit Schauspielern aus vielen verschiedenen Ländern gearbeitet, die noch dazu allesamt die Sprache der Roma lernen mussten…

Die Handlung von SHANGHAI GYPSY erstreckt sich über 40 Jahre und über viele Generationen hinweg. Da die Geschichte über Ex-Jugoslawien erzählt, wollte ich auch mit Schauspielern aus Kroatien, Bosnien, Mazedonien, Serbien und Slowenien arbeiten. Es war eine Herausforderung, all diese Leute zusammen zu bringen. Ich habe zwei Jahre lang für das Casting gebraucht. Außerdem mussten alle die originale Roma-Sprache sprechen. Ich hatte dafür Lektoren am Set, die alles auf seine Richtigkeit überprüften. Vor dem Film hatten wir fast sechs Monate lang geprobt und mussten sehr gut vorbereitet sein.

Haben Sie selbst die Roma-Sprache gelernt?


Ich habe die Sätze aus dem Drehbuch gelernt, aber die Sprache selbst ist mir noch immer ein Rätsel (lacht).

Ihr dritter Spielfilm ist eine österreichisch-slowenische Koproduktion mit dem Titel DIE WÄLDER SIND NOCH GRÜN, der auch in die österreichischen Kinos kommen wird…

Es ist eine Geschichte über den ersten Weltkrieg. Ein Film über Krieg. In dieser Hinsicht handelt es sich um eine universelle Geschichte. Für mich war es eine große Ehre, dass ich ein Angebot von einem so erfolgreichen Produzenten wie Robert Hofferer bekommen habe. Außerdem war es eine große Herausforderung nach einem Film in der Roma-Sprache nun einen Film auf Deutsch zu drehen. Ich hoffe auch in Zukunft an internationalen Produktionen beteiligt zu sein. Film ist ein internationales Produkt, das um die Welt reisen und zu jeder Menge verschiedener Leute sprechen kann. Film an sich ist immer sehr international, egal ob sich die erzählte Geschichte lokal abspielt oder nicht.

Können Sie sich also auch vorstellen wieder zurück in die USA zu gehen, wo sie vor einiger Zeit bereits die NEW YORK FILM ACADEMY absolvierten?


Ich werde immer dahin gehen, wo ich Filme machen kann. Wenn mich jemand wieder nach New York einlädt, würde ich sicherlich nicht nein sagen. Ich würde aber auch an jeden anderen Ort gehen, wo mir ein interessanter Dreh angeboten wird. Wenn man ernsthaft über lange Zeit hinweg Filme machen möchte, muss man offen für alles sein.

Patrick Zwerger

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