GLEICHSTELLUNG 15.01.2015

Muslimisch und schwul – doppelt diskriminiert

© istockphoto.com
Amira (24) ist gebürtige Bosnierin, Studentin und lesbisch. Nachdem sie mit KOSMO über ihre Homosexualität sprach, wurde sie online bedroht.

Liebe Leserinnen und Leser,

nachdem wir diesen Text heute gegen 13:00 Uhr veröffentlicht und auf unserer Facebook-Seite geteilt haben, wurde unsere Gesprächspartnerin nicht nur in den Leserkommentaren, sondern auch über ihr privates Profil angegriffen und bedroht. Offenbar gibt es Menschen, die sich die Mühe gemacht haben, eine ihnen völlig unbekannte Person, nur aufgrund ihrer sexuellen Orientierung, online auszuforschen und zu belästigen. Wir möchten euch informieren, dass sämtliche Nachrichten, die an unsere Gesprächspartnerin eingegangen sind, der Polizei übergeben werden. Ihr seid nicht anonym!

KOSMO-Redaktion


Amira (Name geändert) war gerade 20 als sie sich geoutet hat. „Meine Mutter trat einfach an mich heran und fragte mich, ob ich denn überhaupt Interesse an Männern hätte. Ich sagte Nein.“ Überrascht waren ihre Eltern nicht, aber ein wenig traurig. Sie sind gläubige Muslime und waren aufgrund ihres Glaubens zu Beginn überfordert. Heute ist das anders. Selbst Amiras Partnerin haben sie mit offenen Armen aufgenommen. Ihr Outing lief ohne Beleidigungen, ohne Diskriminierung, ohne Ausgrenzung über die Bühne. Doch so ist es nicht bei jedem. Deshalb arbeitet Amira bei einer LGBT-Organisation in Graz.

Der Verein ist Teil der schwul-lesbischen Community in der Steiermark und unterstützt  LGBT Gruppen, organisiert Veranstaltungen und kämpft für Gleichbehandlung. Amira ist seit zwei Jahren bei den RosaLilas und berät  meist Studentinnen und Studenten die Rat in Sachen gleichgeschlechtliche Liebe brauchen. Seit kurzem steht ein neues Projekt in den Startlöchern: ein MigrantInnenstammtisch.

Doppelte Diskriminierung

„Mir scheint manchmal, Migrantinnen und Migranten haben mehr Hemmungen, sich an uns zu wenden“, konnte Amira bisher beobachten. „Einem schwulen Muslim fällt es bestimmt sehr schwer, in der belebten Annenstraße die Tür zu einem Homo-Verein zu öffnen und den ersten Schritt zu machen.“ Deshalb trifft sich Amira mit ihren Schützlingen an Orten an denen sie sich wohl fühlen. Auch ihre eigene Herkunft spielt eine große Rolle: „Viele wollen mit jemandem sprechen, der seinen Hintergrund versteht“, erklärt die Kunststudentin.

„Eine Bosnierin spricht lieber mit einer Bosnierin, da diese die Familienstrukturen und Regeln des eigenen Landes kennt“. Die Herkunft repräsentiert Authentizität. Die MigrantInnengruppe soll für jeden offen sein. Im Team befinden sich noch ein Ägypter und eine Russin. Regelmäßig sollen MigrantInnen ihrer Erfahrungen untereinander austauschen, sich gegenseitig unterstützen und sich auch in ihrer Muttersprache informieren können.

Prekäre Lage am Balkan

Die Situation für gleichgeschlechtliche Paare ist für Amira in Balkanländern kaum mit der in Österreich zu vergleichen, obwohl sie über die aktuellen Geschehnisse schockiert ist: erst kürzlich wurde ein lesbisches Paar aus einem Wiener Café geworfen.

„Es ist schlimm, wie diskriminierend sich manche Personen Homosexuellen gegenüber noch immer verhalten! Wir leben im 21. Jahrhundert.  Doch vergleiche ich die Situation mit den exjugoslawischen Ländern, so geht es uns hier wirklich gut. Die Gayclubs in Bosnien kann man an einer Hand abzählen, sie halten sich auch meist nicht länger als einen Monat und während in Österreich zwar Diskriminierung noch Programm ist, wird die Queerszene in Exjugoslawien regelrecht attackiert“, meint Amira und betont, dass es noch viel Handlungspotential gibt.

Das Kippen des Adoptionsverbotes für gleichgeschlechtliche Paare in Österreich ist für die 24-Jährige ein Schritt in Richtung Gleichberechtigung. Auch wenn Amira noch keine Kinder in Planung hat, so sieht sie darin eine wichtige Entwicklung: „Schön wäre es jetzt noch, wenn meine eingetragene Partnerschaft auch endlich als Ehe deklariert werden würde. Wir sind in einer Zeit des Umbruchs und viel Gutes passiert, doch es ist noch ein langer Weg zur Gleichberechtigung, vor allem am konservativen Balkan. Dort müssen die Menschen endlich verstehen, dass Homosexualität keine Sünde ist.“

Anna-Magdalena Druško / KOSMO

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