GESELLSCHAFT 16.07.2014

(K)eine bessere Muslima

© Lucas Kundigraber
Medina ist gebürtige Bosnierin, 22 Jahre alt, Muslima. Aus Angst vor Ausgrenzung wagte sie es jahrelang nicht, in Österreich ein Kopftuch zu tragen. Angesichts der Burka-Verbotsdebatte sprachen wir mit ihr über ein „bedecktes“ Leben.


„Kaum trägst du ein Kopftuch, wirst du abgestempelt“, beschwert sich die Studentin. Das ist wohl einer der Gründe, warum Medina erst seit dem letzten Sommer ihren Kopf bedeckt. Dabei stand für sie nie zur Debatte, ob sie sich für die religiöse Praxis entscheiden soll oder nicht. Vielmehr war es die Angst, von der österreichischen Gesellschaft ausgegrenzt zu werden, die sie davon abhielt.

Ursprünglich wollte Medina zuerst ihr Pädagogik-Studium beenden, den Abschluss als Neubeginn für eine Veränderung nutzen. Denn sie hatte Angst vor den Reaktionen der Mitstudierenden, würde sie plötzlich mit Kopftuch im Seminar stehen. Die meisten wussten nicht einmal, dass sie Migrantin ist. Viel zu angepasst ist sie, viel zu österreichisch redet sie. Doch je länger die junge Frau wartete, umso mehr ärgerte sie sich: „Wieso soll ich es der Gesellschaft mit einem Verzicht recht machen, wenn mir das Gegenteil so viel bedeuten würde?“ Auch ihr Ehemann bekam Medinas inneren Konflikt mit – Kopftuch Ja? Kopftuch Nein? Obwohl sie seit drei Jahren verheiratet waren, gab er keine Meinung dazu ab. Ob seine Frau ein Kopftuch trägt oder nicht, sei ihm vollkommen egal, ganz im Gegensatz zum Vater der Studentin, der sich Sorgen machte und die Bedeckung nicht befürwortete – aus Angst vor Ausgrenzung der Tochter in der Gesellschaft.

Eine schwierige Entscheidung

Und dann war Ramadan. Die muslimische Fastenzeit bedeutete für Medina eine intensive spirituelle Auseinandersetzung – sowohl mit ihrer Persönlichkeit als auch mit ihrem Glauben. Und sie fasste den Entschluss, mit dem Tragen des Kopftuches der ganzen Welt zu zeigen, was für eine stolze Muslima sie ist. Die Reaktionen ihres Umfelds waren unterschiedlich: Die einen bewunderten ihr Selbstbewusstsein, bei anderen stieß sie auf Unverständnis – als könnte sie nun etwas vom Leben verpassen. Doch Medina hatte schon vor ihrem Ehemann Freunde und Beziehungen. Sie ging aus, besuchte Clubs, probierte Alkohol. Doch wohlgefühlt hat sie sich dabei nie: „Ich bin einfach nicht der Typ für so etwas. Erst mit dem Kopftuch fühle ich mich richtig angekommen“.

In ihrer Arbeit im Verein S.O.M.M (Selbstorganisation von und für Migrantinnen) ist das Kopftuch Alltag. Niemand hinterfragt es, niemand wundert sich. Aber nicht überall wird ihre Kleiderwahl anstandslos akzeptiert: „In meinem Studium bin ich die Einzige mit Kopftuch. Zu Beginn ließen mich die Mitstudierenden sehr wohl spüren, dass sie mir misstrauen. Das hat mich unfassbar traurig gemacht“.

Selbst wählen dürfen

Seit ihrer Entscheidung, das Kopftuch zu tragen, fühlt sie sich selbstbewusster. Auf die vollständige Akzeptanz der Gesellschaft wartet sie schon lange nicht mehr: „Ich mache endlich das, was ich will. Und es fühlt sich richtig gut an!“. Als eine bessere Muslima sieht sich Medina trotzdem nicht, denn das Kopftuch allein macht nicht aus, wer sie ist. Sie ist sehr gläubig, richtet ihr ganzes Leben nach der Religion. Medina trifft keine Entscheidung unüberlegt, doch meistens trifft sie sie im Namen Gottes. Dennoch betrachtet sie Medina als frei. Sie kann selbst bestimmen, was sie tut und was nicht. Ihr Glaube zwingt sie nicht, ein selbstbestimmtes Leben aufzugeben.

Im August erwarten Medina und ihr Ehemann ihr erstes Kind. Ein Mädchen. Dieses soll später selbst entscheiden können, ob es seinen Kopf bedecken möchte, oder nicht. Medina will ihren Kindern die gleiche Freiheit lassen, die sie als Jugendliche erfahren durfte. Sie wünscht sich, dass die Dramatisierung des Kopftuchtragens endlich ein Ende findet: „Ich vergleiche das eher mit gefärbten Haaren, einem Piercing oder einem Kleidungsstil. Ich laufe ja auch nicht herum und verurteile Menschen für derartige Entscheidungen“. Medina möchte, dass ihre Tochter glücklich wird, sich nicht rechtfertigen muss.

Was sagt der Koran?

So sehr sie das Kopftuch befürwortet, so suspekt ist ihr jedoch die Burka. Eine vollkommene Verschleierung hier in Österreich befürwortet sie nämlich nicht. „Es ist schon schwer genug, mit Kopftuch hier zu leben, warum sollte man es sich mit einer kompletten Verschleierung schlimmer machen als nötig? Der Koran sieht das nicht für uns vor“. Ein Verbot, wie es von der FPÖ beantragt wird, findet sie aber nicht nötig. Jede Frau sollte selber entscheiden dürfen, wie sie sich bedecken möchte. Medina betont jedoch den Unterschied für die Gründe. Manche möchten etwa vor Familie oder Freunden als „braves muslimisches Mäderl“ gelten. Von dieser Einstellung hält sie relativ wenig: Der Entscheidung für ein Kopftuch sollte eine tiefer und überzeugter Glaube zu Grunde liegen.

Anders entscheiden würde sich die werdende Mutter keinesfalls. Viel zu wohl fühlt sie sich seit ihrer Entscheidung in ihrer Haut. „Ich lebe nun mit einem reinen Gewissen“, meint sie mit einem Lächeln.

Anna-Magdalen Druško / KOSMO

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