REPORTAGE 06.10.2014

Missbrauch in der Familie

© zVg.
Von allen Formen der Gewalt schockiert am meisten der sexuelle Missbrauch von Kindern – zumeist begangen von Tätern aus der eigenen Familie. KOSMO sprach mit Betroffenen und Experten.


Die österreichische Öffentlichkeit wurde Mitte Februar von der Nachricht über die Entdeckung einer monströsen Untat eines sexuell gestörten Wieners (51) aufgerüttelt, der sich an seiner zweijährigen Tochter vergangen hatte. Zeuge der schrecklichen Tat war Toni Maljević (44) aus Bar (Montenegro), dessen schnelle Reaktion zur Verhaftung des Pädophilen führte.

„An diesem 10. Februar habe ich mit zwei Kollegen die Arbeiten an einer Terrasse erledigt. Zufällig schaute ich zu den Fenstern des Gebäudes gegenüber. Mein erster Gedanke war, dass ein Mann Sexualverkehr mit einer Frau hatte. Als ich sah, dass es sich um ein Kind handelte, war entsetzt“, erzählt Toni leise, aber voller Emotionen.

Er reagierte blitzschnell, filmte die Szene mit seinem Handy und rief sofort die Polizei. „Innerhalb von wenigen Minuten war die Polizei da und nach einer Stunde waren sie in der Wohnung dieses Monsters. Später erfuhr ich, dass er die Tat sofort zugegeben hat und die Tochter angeblich schon einmal zuvor missbraucht hatte. Seine Frau kam während des Gerichtsverfahrens zu mir und bedankte sich bei mir“, erzählt Toni Maljević weiter. Tonis Handeln löste großes Medieninteresse aus und für seine Zivilcourage verliehen ihm die Bundesinnenministerin Johanna Mikl-Leitner und eine Kinderschutzorganisation Auszeichnungen.

Für die beschriebene Straftat beträgt die Höchststrafe zehn Jahre Haft. Der Täter wurde zu fünf Jahren verurteilt. Die Psychiater stellten fest, dass bei diesem Pädophilen eine hohe Rückfallgefahr bestehe und dass er sich auch nach Ablauf der Haftstrafe einer verpflichtenden Hormonbehandlung unterziehen müsse. Dem hat er zugestimmt. Dies ist die einzige Möglichkeit zu seiner Resozialisierung und zum Schutz etwaiger neuer Opfer.

„Man kennt den genauen Grund dieser sexuellen Störung noch nicht. Forscher untersuchen psychologische und biologische Faktoren, aber auch das soziale Umfeld“, erklärt der Psychiater Dr. Ivo Jeličić.

„Sexueller Missbrauch von Kindern kommt in allen kulturellen Gemeinschaften vor. Die verbreitete Meinung, dass diese Form der Gewalt an Kindern nur in dysfunktionalen Familien vorkommt, ist einfach falsch“, erklärt der Psychiater. „Wobei 90 Prozent der Fälle kommt gar nicht zur Anzeige, nur 10 Prozent landen vor Gericht“, fügt er hinzu.

"Ich war Opfer sexueller Gewalt"

Angela Kreilinger (40) kämpft seit Jahrzehnten mit den Folgen der sexuellen und körperlichen Misshandlung, die sie in der Kindheit durchlebte. Aufgrund von Panikattacken wurde die junge Frau mit 34 Jahren pensioniert. „Die frühesten Erinnerungen an die Taten sind aus dem Alter von sechs oder sieben Jahren. Ob auch vorher schon etwas passiert ist, weiß ich nicht. In unserer kleinen Einzimmerwohnung lebte ich mit meiner Mutter und meinem Stiefvater. Als ich ins Volksschulalter kam, wollte ich nicht mehr, dass mich der Stiefvater duschte. Mir schien, dass die Bewegungen seiner Hände nichts Gutes waren, und ich forderte, dass meine Mutter mit mir ins Bad ginge“, beginnt die Geschichte von Angela.

Das Mädchen stand ständig unter Druck, denn der Vater beobachtete sie ständig. „Abends, wenn ich schlafen ging, kam an mein Bett und überprüfte, ob ich eingeschlafen war. Ich hielt die Augen verschlossen und er stand lange da und schaute mich an. Später begann er, mich mit den Fingern auf eine Weise zu berühren, wie Eltern das normalerweise nicht tun, aber ich wusste noch immer nicht, was das bedeutete“, fährt Angela Kreilinger in ihren Erinnerungen fort.

"Ich versuchte mich zu wehren"


Der Stiefvater versuchte nur einmal, die letzte Grenze zu überschreiten, die ihn von der Vergewaltigung trennte. Das Mädchen, das damals acht war, wehrte sich. „Wir hatten nur ein Schlafzimmer, und als ich eines Nachts Zeuge des intimen Verkehrs zwischen meinen Eltern wurde, machte es in meinem Kopf klick“, erklärt sie. „Es kam zum Bruch, als ich der Mama sagte, dass der Papa dasselbe mit mir machen wollte. Ich bekam Schläge, wurde zu meiner Großmutter gebracht und meine Mutter zog in ein Frauenhaus. Aber nach drei Wochen ging sie mit mir zum Stiefvater zurück“, darüber ist unsere Gesprächspartnerin noch heute betrübt.

Obwohl es keinen weiteren sexuellen Missbrauch gab, war das Mädchen weiterhin permanenter körperlicher Gewalt ausgesetzt. Schließlich stellte Angela der Mutter ein Ultimatum: „Ich habe ihr gesagt, sie solle sich scheiden lassen oder ich würde ausziehen. Zum Glück entschied sie sich für mich.“

Angela hat es erst geschafft, auch dem Stiefvater zu vergeben, als sie alle Details seiner unglücklichen Kindheit erfuhr, denn er hatte seine Kindheit in einem Heim verbracht und war selbst Opfer von Gewalt geworden. Eine normale Beziehung konnte sie bisher nie führen.

Selbsthilfegruppe für Gewaltopfer

Vor fünf Jahren gründete Angela Kreilinger die Gruppe Opfersolidarität als Hilfe für misshandelte Personen und ihre Familien. Aus Erfahrung weiß sie, wie wichtig neben einer Psychotherapie auch offene Gespräche sind. Bei der Gruppe können sich Menschen melden, die beliebige Formen von Gewalt erlitten haben. Web: www.shg-os.com. Mail: office@shg-os.com

Vera Marjanović / KOSMO

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