INTEGRATION 09.10.2014

„Migration ist kein Störfall“

© zVg.
Der Historiker Dirk Rupnow ist Gründungsmitglied des Arbeitskreises „Archiv der Migration“. Wir sprachen mit ihm über die Rolle der Migranten in der österreichischen Geschichte und die Realitätsverweigerung vieler Österreicher.


KOSMO: Wie kam es dazu, dass sie sich als Historiker mit den Migranten in der österreichischen Geschichte und dem diesbezüglichen Selbstbild Österreichs auseinandersetzten?

Dirk Rupnow: Ich komme ja eigentlich aus der Holocaust- und NS-Forschung. Vor einigen Jahren habe ich mich in einem großangelegten Forschungsprojekt gemeinsam mit dem Wiener Büro trafo.K mit der Erinnerung an Nationalsozialismus, Zweiten Weltkrieg und Holocaust in der Migrationsgesellschaft beschäftigt. Dabei wurde mir erst so richtig bewusst, dass sich die Zeitgeschichtsforschung in Österreich noch überhaupt nicht um die Geschichte der Migration gekümmert hat, obwohl die österreichische Geschichte nach 1945 ohne die gesellschaftsverändernde Kraft der Migration gar nicht zu verstehen ist.

Wie erklären sie sich diese fehlende historische Forschung?

Migration wird nicht nur in der Politik, sondern auch in der Geschichtswissenschaft häufig als Ausnahme-, Sonder- oder gar Störfall begriffen. Hinzu kommt die Vorstellung, dass die Menschen, die kommen, selbst wenn sie bleiben, „fremd“ bleiben – und somit auch nicht Teil der österreichischen Geschichte werden. Tatsächlich hinterlassen aber auch sie Spuren, verändern und prägen das Land. Wie wir wissen, ist das in Österreich jedoch politisch-gesellschaftlich bisher nur teilweise akzeptiert. Gesellschaftliche Akzeptanz und Zugang zu politischen Rechten auf der einen Seit sowie Sichtbarkeit und Stimme in der Geschichte auf der anderen bedingen sich durchaus gegenseitig.

Wie wird mit dem Thema in anderen Ländern umgegangen?

Die Debatte wird gerade vielerorts geführt und es gibt sicher Länder, die da weiter sind. In den klassischen Einwanderungsländern gibt es bereits große Migrationsmuseen. In Deutschland wird seit über 20 Jahren ein Archiv zur Geschichte der Migration aufgebaut. Aber auch in Österreich tut sich derzeit sehr viel: Es gibt Sammlungsinitiativen in einigen Bundesländern und Städten. In diesem Jahr gab es eine ganze Reihe von Ausstellungsprojekten, allerdings häufiger von zivilgesellschaftlichen Gruppen erarbeitet als von den großen etablierten Einrichtungen.

Sie kritisieren den Begriff des „Gastarbeiters“, der immer noch gerne verwendet wird…

Ich weise immer wieder darauf hin, dass der Begriff eine bestimmte Bedeutung hat, der der Realität der Einwanderung nicht gerecht wird. Er ist also gewissermaßen ein Instrument der Realitätsverweigerung. Zudem hat er natürlich eine Geschichte. Er sollte nur verwendet werden, um eine bestimmte historische Konstellation und politische Vorstellungen seit den 1950er/1960er Jahren zu bezeichnen. Im Übrigen ist er nicht in der Nachkriegszeit als freundliche Alternative zu „Fremdarbeiter“ erfunden worden, wie oft behauptet wird, sondern wurde bereits von den Nazis verwendet.

Sie haben gerade mit einem großen Team eine Ausstellung in Hall in Tirol realisiert, die sich mit der Geschichte der Migration in Tirol beschäftigt. Wie kommt das bei der dortigen Bevölkerung an?

Sehr gut, kann man wirklich sagen. Die Menschen in Hall haben uns sehr unterstützt, bei Recherchen geholfen, ihre Erinnerungen und Erfahrungen mit uns geteilt. Auch die Bewohner der Salvatorgasse, in der die Ausstellung ja im öffentlichen Raum installiert ist, waren sehr entgegenkommend. Bei der Eröffnung waren vielleicht so 200 Menschen. Ich empfinde das als einen großen Erfolg für unser Projekt. Aber wir werden erst am Ende wissen, welche Diskussionen und vielleicht auch Veränderungen die Ausstellung ausgelöst haben wird.

Sie sind Gründungsmitglied im Archiv der Migration – was sind die Ziele dieses Projekts?

Bisher gibt es nur einzelne Projekte in verschiedenen Bundesländern. Wir fordern aber ein österreichweites „Archiv der Migration“. Leider ist schon sehr viel relevantes Material verloren gegangen oder sogar vernichtet worden. Die staatlichen Einrichtungen können und wollen hier nicht immer einspringen. Es braucht also eine spezielle Institution, die gleichzeitig eine Art Leuchtturmfunktion für eine Auseinandersetzung mit der alltäglichen Pluralität haben könnte. Wir denken nicht nur an einem Ort der Dokumentation auch an einen der Forschung, des Austauschs, der Vermittlung und der Diskussion.

Die Stadt Wien hat kürzlich angekündigt, Material über die Geschichte der Migranten in Österreich zu sammeln. Was würden sie sich von einer solchen Sammlung wünschen?

Eine solche Sammlung, wie sie im Wien Museum geplant ist, wird ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung sein: die Perspektive der Migration in die etablierten Gedächtnis- und Kulturinstitutionen hineinzutragen. Da das Wien Museum aber nicht in großem Umfang schriftliche Überlieferungen aufnehmen kann, wird weiterhin eine eigene Einrichtung notwendig sein, um diese zu sichern – oder etwa auch, um die Erinnerungen und Erfahrungen der ersten Generation von so genannten „Gastarbeitern“ mittels Interviews aufzuzeichnen und zu bewahren.

Interview: Ljubiša Buzić / KOSMO

Migranten sind Teil der Österreichischen Geschichte

Stadt Wien dokumentiert Migrationsgeschichte

Wien sagt Danke zu Gastarbeitern

Aktuelle Ausgabe

Aktuelle Ausgabe als PDF zum Nachlesen

COVER STORY:
Österreichs Beschützer
INTERVIEW:
Rap-Legende Juice
REPORTAGE:
Teure Geburstage

Zusendung

Lassen Sie sich KOSMO bequem nach Hause zusenden! Versandkostenbeitrag nur 11,- EUR (10 Ausgaben).
Zum Bestellformular

Facebook