SATIRE 07.05.2015

Migrantische Matrix

© istockphoto.com
Der Autor und KOSMO-Redakteur Uroš Miloradović schreibt „Geschichten aus dem kurzsichtigen Winkel“ – diesmal: gefangen in der migrantischen Matrix.

Als mein Onkel Ivo erfuhr, dass in Wien ein Archiv der Migration eröffnet wurde, war er erst einmal begeistert. „Gott sei Dank“, atmete mein Onkel auf.

„Dank – wofür?“, fragte meine Tante, mit einer spürbaren Dosis Gereiztheit in der Stimme. Die fromme, religiöse Phase meines Onkels, deren Blüte sich mit dem Ausbruch der globalen Finanzkrise 2008 überlappte, ging ihr schon lange auf den Nerven. 

„Für dieses Archiv der Migration. Wir haben uns hier in diesem Land nicht umsonst abgerackert. In diesem Archiv wurden verschiedenste Dinge zu sehen sein, die unser Schicksal darstellen – Gegenstände, Familienfotos, Zeitungsauschnitte… Auch wir haben jede Menge von diesem potenziell musealen Stoff hier herumliegen…“

Im Blick der Tante spiegelte sich für einen Moment der Wunsch nach der vollkommenen Auslöschung der onkelschen Person wider. Dann wandte sie sich wieder wichtigeren Dingen zu.

Mit der Zeit fing das Archiv der Migration an, zu einer Droge für meinen Onkel zu werden. Er wurde ein richtiger Junkie, wie ein Dealer, der langsam seine eigene Ware zu konsumieren begann. Zuerst fielen nur Kleinigkeiten seiner Sucht zum Opfer. Schrittweise wurde die Situation aber immer ernster. Aus dem Haushalt verschwanden immer mehr Gegenstände, die er heimlich ins Archiv brachte. 

„Es wäre mir lieber, wenn du eine Liebhaberin hättest oder der Spielsucht verfallen wärst“, sagte die Tante gequält. Sie war erschöpft und wusste nicht, wie lange sie das alles noch aushalten könnte.

Unterdessen wurde der Onkel in tiefster Nacht von Schweißausbrüchen geweckt. Albträume über das Archiv plagten seine Nachtruhe. Während des Tages verlor er oft den Bezug zur Wirklichkeit und war nicht sicher, ob er sich mitten in einem Traum oder in realem Leben befindet. Er musste die Gegenstände betasten, um sich zu überzeugen, dass sie wirklich vor ihm standen. 

Eines Tages fand ihn die Tante ungewohnt früh am Morgen, bedächtig feierlich gekleidet, neben ihm stand ein gepackter Koffer.

„Ich ziehe um ins Archiv. Du kannst mich täglich, außer montags, besuchen“, erklärte der Onkel. 

Das alte Paar verabschiedete sich herzlichst, und der Onkel ging fort, um seine neue, einzige wahre und echte Rolle endlich zu besetzen. Er glänzte vom Glück. Die Tante atmete erleichtert auf.  

Uroš Miloradović / KOSMO

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